Friedrich Engels und der historische Optimismus
Auf Einladung der „Marx Memorial Library“ in London und der „Working Class Movement Library“ in Manchester hat der Autor dieses Textes am Samstag, den 29. November 2025 per Zoom einen Vortrag zum Thema „Engels and Historical Optimism“ gehalten, der auf den Websites der beiden Institutionen demnächst auch online verfügbar sein sollte.
Der nachfolgende Text beruht auf der ins Deutsche rückübersetzten Fassung dieses Vortrags.
Ich soll über „Optimismus“ sprechen. Das scheint angesichts unserer gegenwärtigen Lage ein bisschen verrückt, oder? Schauen wir nach Deutschland: Seit 1989 ist die an Karl Marx und Friedrich Engels orientierte Linke – zumindest von außen betrachtet – eine geschlagene und politisch an die Wand geklatschte Bewegung. Ihre nach wie vor stärkste Organisation, die „Deutsche Kommunistische Partei“ (DKP) zählt kaum 3000 Mitglieder und ihre Zeitung, die wöchentliche erscheinende „Unsere Zeit“ hat eine Auflage von durchschnittlich rund 5000 Exemplaren – in einem Volk von 85 Millionen Menschen. Das scheint wie ein Tropfen im Ozean.
Ich nehme an, die Situation in Großbritannien ist ähnlich.
Woher sollen wir angesichts dessen unseren Optimismus nehmen?
Ich möchte für unsere Diskussion drei einführende Bemerkungen machen:
1. Ich will ein paar Zitate und Hinweise liefern über die Wurzeln unseres Optimismus, die m.E. nicht in aktuellen Entwicklungen, sondern im Werk von Karl Marx und in gewisser Weise, die ich gleich erläutere, noch mehr in dem von Friedrich Engels zu finden sind.
2. Ich möchte etwas sagen über die Entwicklung unserer Bewegung seit seiner Geburtsurkunde, dem „Kommunistischen Manifest“.
3. Zum Schluß werde ich hinweisen auf einige Aussichten der Entwicklung der alten imperialistischen Staaten wie Großbritannien und Deutschland und unsere Aufgaben, die sich als Nachfolger von Marx und Engels daraus ergeben.
Wurzeln unserer Zuversicht
Wir allen kennen des „Manifest der Kommunistischen Partei“, geschrieben an der Jahreswende 1847/48 und veröffentlicht zuerst in London im Februar 1948. Jeder, der es liest, spürt den Geist des Aufbruchs und des Optimismus, der es durchzieht.
Und doch: Am Anfang war das ein Dokument, dass gelesen oder gar bewundert wurde von nicht viel mehr Menschen, als hier heute Abend online versammelt sind. Als Friedrich Engels – übrigens auch hier in London – das Vorwort zur vierten deutschen Auflage schrieb, am 1. Mai 1890, konnte er auf eine Entwicklung verweisen, die er so beschrieb:
„‘Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!‘ Nur wenige Stimmen antworteten, als wir diese Worte in die Welt hinausriefen, vor nunmehr 42 Jahren, am Vorabend der ersten Pariser Revolution, worin das Proletariat mit eigenen Ansprüchen hervortrat. Aber am 28. September 1864 vereinigten sich Proletarier der meisten westeuropäischen Länder zur Internationalen Arbeiter-Assoziation glorreichen Angedenkens. Die Internationale selbst lebte allerdings nur neun Jahre. Aber dass der von ihr gegründete ewige Bund der Proletarier aller Länder noch lebt, und kräftiger lebt als je, dafür gibt es keinen bessern Zeugen als grade den heutigen Tag (also den 1. Mai – M.S.). Denn heute, wo ich diese Zeilen schreibe, hält das europäische und amerikanische Proletariat Heerschau über seine zum ersten Mal mobil gemachten Streitkräfte, mobil gemacht als ein Heer, unter einer Fahne und für ein nächstes Ziel: den schon vom Genfer Kongreß der Internationalen 1866 und wiederum vom Pariser Arbeiterkongreß 1889 proklamierten, gesetzlich festzustellenden, achtstündigen Normalarbeitstag. Und das Schauspiel des heutigen Tages wird den Kapitalisten und Grundherren aller Länder die Augen darüber öffnen, dass heute die Proletarier aller Länder in der Tat vereinigt sind.
Stünde nur Marx[1] noch neben mir, dies mit eigenen Augen zu sehn!“[2]
Dieser Aufschwung kam nicht aus dem Nichts. Seine Wurzeln liegen in der Entdeckung der inneren Gesetze der menschlichen Gesellschaft, die vielleicht am komprimiertesten zusammengefaßt sind in den wenigen Sätzen von Karl Marx in seinem Vorwort zu „Kritik der Politischen Ökonomie“, verfaßt im Jahre 1859: „Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozeß überhaupt. Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt. Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb derer sie sich bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein. Mit der Veränderung der ökonomischen Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure Überbau langsamer oder rascher um.“[3]
Auf drei Aspekte dieses Abschnitts möchte ich hinweisen:
a)
Das ist nach meiner Ansicht immer noch eine präzise Beschreibung der „Epoche“, in der wir uns befinden – so wie sich in dieser Epoche unsere Eltern und Großeltern befunden haben und aller Voraussicht nach auch unsere Kinder und Enkelkinder noch befinden werden. Die zeitliche Ausdehnung dieser Epoche hat Marx durch die Formulierung „langsamer oder rascher“ bewußt offen gelassen.
b)
Allerdings erwarteten oder vielleicht besser „erhofften“ sich die beiden insbesondere in ihren jungen Jahren, als sie – beide um die 30 Jahre alt – das „Manifest“ zu Papier brachten, dass sie die „Umwälzung des ganzen ungeheuren Überbaus“ selbst noch erleben würden. Das war aus Gründen, die ich gleich zu erläutern versuche nicht der Fall.
Diese Enttäuschung in der Dimension der Zeit (trotz der vorsichtigen Formulierung „langsamer oder rascher“) war – wir als Erben von Marx und Engels dürfen das so unverhohlen sagen – Irrtum Nr. 1.
c)
Irrtum Nummer zwei war, dass diese Erwartung einer solchen „ungeheuren“ Umwälzung zuerst innerhalb der damals fortschrittlichen kapitalistischen Nationen, also namentlich Englands, vielleicht auch Frankreichs oder andere Staaten des westeuropäischen Halbkontinents, auf jeden Fall aber auf nationaler Stufenleiter stattfinden würde. Im Gefolge dieser Siege des dortigen Proletariats hätten dann andere, nicht so weit entwickelte Nationen im Windschatten dieses Erfolges ebenfalls die Chance, auf ihrem Territorium eine sozialistische Produktionsweise durchzusetzen – vielleicht sogar unter Überspringen der kapitalistischen Entwicklungsetappe.
Aber den arbeitenden Klassen in England, Frankreich, Deutschland, den USA und anderen damit vergleichbaren Nationen gelang es nicht, die Führung in der Entwicklung ihrer Länder zu übernehmen. Das hatte tiefgreifende Konsequenzen, die bis in unsere heutige Zeit reichen.
Die zitierte Erklärung beschreibt also nach wie vor präzise das, was gegenwärtig passiert – aber mit zwei Nachschärfungen, die heute anzufügen wären:
- Der Prozess dieser „ungeheuren Umwälzung“ umfaßt nicht Jahrzehnte, sondern Jahrhunderte.
- Der Prozess vollzieht sich nicht im nationalen Rahmen, sondern spielt sich vor unseren Augen international, im globalen Rahmen ab.
Bevor ich das versuche zu erläutern, möchte ich aber noch einen weiteren Hinweis auf die Wurzeln unseres unerschütterlichen historischen Optimismus geben.
Es ist weithin bekannt, dass es zwischen den beiden Freunden Karl und Friedrich so etwas wie eine wissenschaftliche Arbeitsteilung gab. Während sich Karl vor allem auf die Enthüllung ökonomischer Gesetzmäßigkeiten warf, konzentrierte sich Friedrich auf die Erforschung der Bewegungsgesetze der Natur – die Menschheit als einen Teil von ihr eingeschlossen. Das sollte in dem großen Werk „Dialektik der Natur“ münden, für das es bereits eine ausgearbeitete Struktur und einen Plan zum weiteren Vorgehen gab. Die Arbeiten daran hat Engels nach dem Tod von Marx gestoppt, weil er es für wichtiger hielt, die von Marx nicht mehr druckreif fertiggestellten zwei Nachfolgebände vom „Kapital“ herauszugeben. Das war eine gewaltige Arbeit, über der die „Dialektik der Natur“ unvollendet und unveröffentlicht blieb – sie erblickte erst 1925 in Moskau das Licht der Welt.
Engels schrieb das alles zwischen 1873 und 1883, also als Mann in seinen 50er Jahren. Nach meiner Überzeugung enthalten seine Arbeiten von damals den letztlich tiefsten Kern unseres historischen Optimismus. Er schreibt unter anderem: „Mit den Menschen treten wir ein in die Geschichte. Auch die Tiere haben eine Geschichte, die ihrer Abstammung und allmählichen Entwicklung bis auf ihren heutigen Stand. Aber diese Geschichte wird für sie gemacht, und soweit sie selbst daran teilnehmen, geschieht es ohne ihr Wissen und Wollen. Die Menschen dagegen, je mehr sie sich vom Tier im engeren Sinne entfernen, desto mehr machen sie ihre Geschichte selbst, mit Bewußtsein, desto geringer wird der Einfluß unvorhergesehener Wirkungen, unkontrollierter Kräfte auf diese Geschichte, desto genauer entspricht der geschichtliche Erfolg dem vorher festgestellten Zweck. Legen wir aber diesen Maßstab an die menschliche Geschichte, selbst der entwickeltsten Völker der Gegenwart, so finden wir, dass auch hier noch immer ein kolossales Mißverhältnis besteht zwischen den vorgesteckten Zielen und den erreichten Resultaten, dass die unvorhergesehenen Wirkungen vorherrschen, dass die unkontrollierten Kräfte weit mächtiger sind als die planmäßig in Bewegung gesetzten. Und dies kann nicht anders sein, solange die wesentlichste geschichtliche Tätigkeit der Menschen, diejenige, die sie aus der Tierheit zur Menschheit hervorgehoben hat, die die materielle Grundlage aller ihrer übrigen Tätigkeiten bildet, die Produktion ihrer Lebensbedürfnisse, d.h. heutzutage die gesellschaftliche Produktion, erst recht dem Wechselspiel unbeabsichtigter Einwirkungen von unkontrollierten Kräften unterworfen ist und den gewollten Zweck nur ausnahmsweise, weit häufiger aber sein grades Gegenteil realisiert. Wir haben in den fortgeschrittensten Industrieländern die Naturkräfte gebändigt und in den Dienst der Menschen gepreßt; wir haben damit die Produktion ins unendliche vervielfacht, so dass ein Kind jetzt mehr erzeugt als früher hundert Erwachsene. Und was ist die Folge? Steigende Überarbeit und steigendes Elend der Massen und alle zehn Jahre ein großer Krach. Darwin wußte nicht, welch bittre Satire er auf die Menschen und besonders auf seine Landsleute schrieb, als er nachwies, dass die freie Konkurrenz, der Kampf ums Dasein, den die Ökonomen als höchste geschichtliche Errungenschaft feiern, der Normalzustand des Tierreichs ist. Erst eine bewußte Organisation der gesellschaftlichen Produktion, in der planmäßig produziert und verteilt wird, kann die Menschen ebenso in gesellschaftlicher Beziehung aus der übrigen Tierwelt herausheben, wie dies die Produktion überhaupt für die Menschen in spezifischer Beziehung getan hat. Die geschichtliche Entwicklung macht eine solche Organisation täglich unumgänglicher, aber auch täglich möglicher. Von ihr wird eine neue Geschichtsepoche datieren, in der die Menschen selbst, und mit ihnen alle Zweige ihrer Tätigkeit, namentlich auch die Naturwissenschaft, einen Aufschwung nehmen werden, der alles Bisherige in den tiefen Schatten stellt.“[4]
Imperialismus
In dieser „neuen Geschichtsepoche“ sind wir noch nicht – wir hängen noch in der Epoche der Umwälzung, die die Voraussetzungen für diese neue Epoche erst zu schaffen hat.
Zurück zur Frage: Warum haben wir in Westeuropa, wo doch der Marxismus und unter seinem Einfluß nach Hunderttausenden zählende Parteien entstanden, die Führerschaft in diesem Prozess verloren?
Die Antwort haben darauf Wladimir Iljitsch Lenin und Rosa Luxemburg[5] gegeben. Keine weiteren Zitate an dieser Stelle – nur der Versuch einer ganz groben Zusammenfassung ihrer Erkenntnisse: Mit einer Mischung aus Unterdrückung revolutionärer Kräfte, kombiniert mit ideologischen Feldzügen einerseits und einer materiellen Bestechung großer Teile der arbeitenden Klassen andererseits ist es den herrschenden Klassen in den entwickelten kapitalistischen Ländern im 20. Jahrhundert gelungen, eine proletarische Revolution in ihren Ländern zu verhindern. Was aber ermöglichte ihnen diese Bestechung? Die Antwort, die Lenin und Luxemburg gegeben haben, lautet: Imperialismus. In diesem Wort verbirgt sich in konzentriertester Form die brutale Unterdrückung der gesamten von Westeuropa und später den USA kolonisierte Welt, die sie so auspressten, dass dieser dort herausgepresste Extraprofit ihnen die Möglichkeit gab, große Teile ihrer eigenen Arbeiterklasse zu korrumpieren.
Dieser Prozess, dessen Ende sich jetzt abzeichnet – dazu später – hatte drei wesentliche Konsequenzen:
a) Der Schwerpunkt der revolutionären Bewegungen verlagerte sich aus den kapitalistischen Hochburgen in Regionen mit den einerseits am meisten unterdrückten und ausgebeuteten Völkern, die andererseits in der Lage waren, gestützt auf Marx und Engels starke revolutionäre Bewegungen hervorzubringen – erst um die letzten Jahrhundertwende Russland, dann fünfzig Jahre später China.
b) Was die historische Aufgabe der internationalen Arbeiterklasse hätte werden sollen – die Schaffung einer nach sozialistischen Regeln den gesamten Globus umspannenden, rational organisierten „Eine Welt – Eine Wirtschaft – Eine Schicksalsgemeinschaft“ realisierte sich, weil dieses Zusammenwachsen der Welt ein objektiver Prozess ist, nicht unter Führung der internationalen Arbeiterklasse, sondern unter Führung der Bourgeoisien in den imperialistischen Hauptländern, unter Führung einer sich gegenseitig belauernden Räuberbande. Insofern ist Imperialismus pervertierter Sozialismus.
c) Damit aber vollzieht sich die Umwälzung des „ganzen ungeheuren Überbaus“, von der Marx schrieb, auf globaler Ebene und so verwandeln sich nicht mehr einzelne ländliche Regionen, die bei einer Umwälzung auf nationalem Level zu Krähenwinkeln geworden wären, in Sumpflandschaften am Rande des geschichtlichen Hauptstroms, sondern ganze Nationen. Dies erklärt den systematischen Niedergang der alten imperialistischen Hauptländer – Großbritannien und Deutschland eingeschlossen – und den Aufstieg der unter der Führung der kommunistisch regierten Volksrepublik China in den BRICS zusammengeschlossenen Staaten.
Sich der Verantwortung als Sieger der Geschichte stellen
Werfen wir einen Blick auf ein paar einfache Zahlen:
Wir starteten als eine Bewegung einiger Dutzend Männer und noch weniger Frauen in den Hinterzimmern von Pubs.
Wir gewannen über das nachfolgende halbe Jahrhundert soviel Einfluß, dass aus diesen Hinterzimmerversammlungen solche mit hunderten, manchmal tausenden von Anhängern in den größten Sälen von London, Manchester und Berlin wurden.
Aber selbst diese mächtige Bewegung war nicht in der Lage, die Staatsmacht zu erringen und folglich nicht in der Lage, das alltägliche Leben ihrer Völker zu regeln.
Das änderte sich erst und für die sehr kurze Periode von 72 Tagen während der Pariser Kommune im Jahre 1871 – einer Stadt von damals über 1,5 Millionen Einwohnern. Der Kommune wurde von der französischen und deutschen Bourgeoisie gemeinsam blutig niedergeschlagen, 30.000 Kommunarden wurden als Strafe dafür, es gewagt zu haben, einen anderen Typ von Gesellschaft zu organisieren, ermordet.
Was folgte, war eine Art jahrzehntelange politische Depression großer Teile der Linken, ein Tal der Düsterheit nach dieser schrecklichen Niederlage.
Die Phase der Erholung dauerte mehr als vierzig Jahre – bis die Bolschewiki unter Führung des streng an Marx und Engels orientierten Lenin 1917 mit dem zweiten Anlauf, in Europa eine sozialistische Gesellschaft zu organisieren, siegten. Das führte zu tiefgreifenden Veränderungen im Alltag jetzt nicht nur von über 1,5 Millionen Menschen, sondern von über 150 Millionen Menschen und das nicht nur für 72 Tage, sondern für 72 Jahre.
1989 wurden wir wieder geschlagen – aber nicht ohne den Staffelstab in diesem Hindernisrennen an andere vom Imperialismus ausgepresste Völker im fernen Osten weitergereicht zu haben.
Trotz unserer Niederlage in Osteuropa (die auch unsere in Westeuropa war und ist) und dem asiatischen Teil Russlands steht in der erwähnten Reihe heute aber diese Zahl: Nicht mehr 1,5 Millionen, nicht mehr 150 Millionen, sondern 1500 Millionen Menschen leben heute in Ländern, in deren Verfassung das Ziel Sozialismus steht und deren Verständnis von Sozialismus sich aus den von Marx und Engels hier in London und Manchester entwickelten Ideen ableitet.
Und das soll eine gescheiterte Bewegung sein?
Nein – wir sind zwar eine oft geschlagene, aber keine gescheiterte Bewegung. Zwischen diesen beiden Begriffen besteht ein himmelweiter Unterschied. Wer gescheitert ist, hört auf. Wer geschlagen ist, lernt, kommt wieder auf die Beine und kämpft weiter.
Sowohl unsere Wurzeln als auch unsere bisherige Entwicklung zeigt: Wir sind die Sieger der Geschichte. Dieses Banner sollten wir annehmen und wir sollten uns wie Sieger benehmen.
Das bedeutet vor allem eines: Verantwortung.
Egal wie groß oder klein eine kommunistische Partei gerade ist: Sie trägt vor der weiteren Geschichte die Verantwortung für die Entwicklung ihres Volkes. Keine einzige Partei der Bourgeoisie oder des Kleinbürgertums, sondern wir sind verantwortlich für das Schicksal unserer Völker – um damit komme ich zu meiner letzten einleitenden Bemerkung für heute:
Innerhalb dieser Epoche der Revolutionen, in der wir uns befinden, befinden wir uns nach meiner Überzeugung im Unterkapital „Die Dekolonisierung der Welt vollenden“. Es ist für mich völlig klar: Es gibt nicht den Hauch einer Chance auf Kommunismus, wahrscheinlich noch nicht einmal eine Chance für einen hochentwickelten Sozialismus, bevor es nicht gelingt, dem US/EU/NATO-Imperialismus das Rückgrat zu brechen. Das ist weltweit die entscheidende Aufgabe der nächsten beiden oder mehr Jahrzehnte. Wer ohne ihre Lösung vom Kommunismus träumt, ist ein Traumtänzer.
Was bedeutet das für das 64-Millionen-Volk von Großbritannien und das 84-Millionen Volk Deutschlands?
Ganz offensichtlich ereignen sich in unseren beiden Ländern gerade zwei fundamentale Prozesse:
a) Aufgrund der oben kurz angedeuteten Entwicklung der neuen Produktivkräfte vor allem in China und der in in ihrem Windschatten wachsenden Möglichkeiten des gesamten sogenannten globalen Südens, für den Erwerb hochentwickelter Produkte nicht mehr auf die alten imperialistischen Mächte angewiesen zu sein, vor allem aber aufgrund der fortschreitenden politischen und auch militärischen Befreiung vom alten Kolonialjoch versiegen die Quellen der Bestechung der arbeitenden Menschen in Westeuropa.
b) Während im 19. und 20. Jahrhundert die Ökonomien in Großbritannien, Deutschland und den USA Dinge wie Dampfmaschinen, Eisenbahnen, Autos, Flugzeuge, Panzer und Schlachtschiffe produzieren konnten, die solche Länder wie Indien und China nicht herstellen konnten, ist die Lage heute so: Es gibt keine einzige solche Ware mehr – im wahrsten Sinne des Wortes keine einzige – die die Ökonomie in Deutschland herstellen kann und die in China kann es nicht. Wahrscheinlich gilt das für das United Kingdom so ähnlich.
Auf lange Sicht wird das zu einer Rebellion führen. Die Vorläufer einer solchen erleben wir aufgrund unserer Schwäche und der Tatsache, dass alles nach Kommunismus Riechende seit Jahrzehnten in unseren Ländern mit einem Bann belegt ist, in Form eines Aufstiegs der angeblich gegen „die da oben“ rebellierenden AfD in Deutschland und ihnen ähnlicher chauvinistischer Bewegungen in Großbritannien. Beide sind insofern pervertierte Rebellionen. Folglich ist unsere historische Kernaufgabe in den nächsten beiden Jahrzehnten, aus dieser pervertierten Rebellion eine wirkliche Rebellion zu machen, durch die unsere beiden Völker Anschluß gewinnen an den Hauptstrom der Weltgeschichte.
Und diese Weltgeschichte kämpft sich weiter auf dem Pfad vor, der von Karl Marx und Friedrich Engels erstmals hier in London und Manchester entdeckt wurde.
Manfred Sohn
[1] Marx war im März 1883 gestorben.
[2] Friedrich Engels, Vorwort zur 4. deutschen Ausgabe des „Manifests der Kommunistischen Partei“, in: Marx Engels Werke (MEW), Band 22, Berlin 1963, S. 58f; Hervorhebungen wie auch bei allen folgenden Zitaten im Original
[3] Karl Marx, Vorwort zur Kritik der Politischen Ökonomie, in: MEW, Band 13, Berlin 1975, S. 8f
[4] Friedrich Engels, Dialektik der Natur, Einleitung, in: MEW 20, Berlin 1962, S. 323f
[5] Erster in seiner Arbeit „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“, zweitere in ihrem Hauptwerk „Die Akkumulation des Kapitals“
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