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Engels zu historischen Situationen, in denen Gefahren und Fortschritt eng beieinander liegen

In seinen letzten Lebensjahren war Friedrich Engels von geradezu funkensprühenden Optimismus erfüllt – und gleichzeitig in Sorge vor kriegerischen Zuspitzungen und heftigsten Angriffen der Herrschenden auf die von Jahr zu Jahr mehr erstarkende deutsche Sozialdemokratie, in der sich die politischen Positionen von Karl Marx und ihm weitgehend durchgesetzt hatten. Die Jahre 1890 bis 1895[1] waren Jahre des raschen Anwachsens der sich damals herausbildenden, ihre jeweiligen nationalen Märkte beherrschenden Monopole, des ungestümen Wettlaufs der ihnen dienenden großen kapitalistischen Staaten um Kolonien und folglich einer enormen Verschärfung außenpolitischer Konflikte zwischen diesen Staaten. Infolge des wilden Kampfes um einen „Platz an der Sonne“, wie es der spätere Reichskanzler Bernhard von Bülow 1897 formuliert hatte, wuchsen die Militärausgaben. Die Lebenslage vieler Arbeiterinnen und Arbeiter sowie bäuerlicher und handwerklicher Familien verschlechterte sich nach einigen Jahren der Besserung trotz der damaligen Entwicklung der Produktivkräfte spürbar. Nach – zumindest bezogen auf England, Deutschland und Frankreich – eher ruhigen Jahren der kapitalistischen Entwicklung steuerte so alles auf eine Verschärfung der Lage zu.

Der Sieg der deutschen Sozialdemokratie über die Sozialistengesetze[2] hatte allerdings innerhalb der SPD auch zu einer Verstärkung reformistischer und auf die bürgerlichen Parlamente fixierten Politik geführt, gegen die sich der alte Engels, der sich inzwischen hohe internationale Autorität in allen ideologischen Fragen erworben hatte, in ganzen Serien von Briefen und Artikeln wandte. Aufgrund seiner Stellung innerhalb der damals vor allem auf Westeuropa, den USA und Russland konzentrierten Arbeiterbewegung nahm er auch eine Art Vermittlerrolle zwischen den nationalen Parteien dieser Bewegung wahr. Angesichts der oben grob skizzierten Entwicklungen rückte dabei die Zusammenarbeit zwischen den deutschen und französischen Genossinnen und Genossen Jahr für Jahr mehr in den Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit. Das hatte seinen schlichten Grund in der sich immer mehr aufbauenden drohenden Konfrontation zwischen dem deutschen Imperialismus einerseits und dem französischen und russischen Imperialismus andererseits, die sich immer enger verbündeten.  

Auf Bitte der französischen Sozialisten verfasste Engels im Herbst 1891 einen Artikel mit dem Titel „Der Sozialismus in Deutschland“, der zuerst im Dezember desselben Jahres in Frankreich erschien und in den darauffolgenden Monaten in Europa und auch den USA große Verbreitung fand. Nach einer Darlegung der Lage in Deutschland ging Engels auf die damals in ganz Europa viele Menschen bewegende Frage ein, wie sich die französischen und deutschen Sozialisten gegenüber der drohenden Kriegsgefahr verhalten sollten.

Engels selbst übersetzte den Artikel in Deutsche, weil er es „sowohl den französischen wie den deutschen Sozialisten schuldig“ sei, „ihn auch auf deutsch zu übersetzen“[3]. In dem über 10 Druckseiten umfassenden Artikel, den als Beispiel für die Analyse einer international komplizierten Lage zu lesen auch heute noch lohnt, arbeitet er heraus, wie eng in manchen historischen Situationen Triumph und Niederlage fortschrittlicher Kräfte beieinander liegen können. Er skizziert zunächst mit heute dramatisch anmutender Weitsicht die Gefahr dessen, was sich tatsächlich 1914 entlud – ein Krieg zwischen Deutschland einerseits und den verbündeten Reichen Frankreich und Russland andererseits[4]. Käme es dazu, so Engels, würde Deutschland „zermalmt zwischen dem französischen Hammer und dem russischen Amboß“[5]. Was, so fragt er weiter, bedeutet das für die Arbeiterinnen und Arbeiter in Deutschland und ihre Sozialdemokratische Partei? Seine Antwort: „Soviel ist sicher: Weder der Zar noch die französischen Bourgeoisrepublikaner, noch die deutsche Regierung selbst würden eine so schöne Gelegenheit vorübergehen lassen zur Erdrückung der einzigen Partei, die für sie alle drei ‚der Feind‘ ist. Man hat gesehen, wie Thiers und Bismarck sich die Hände gereicht haben über die Ruinen des Paris der Kommune; wir würden dann erleben, wie der Zar, Constans und Caprivi – oder ihre beliebigen Nachfolger – sich in die Arme sinken über der Leiche des deutschen Sozialismus.

Nun aber hat die deutsche Sozialdemokratische Partei, dank der ununterbrochnen Kämpfe und Opfer von dreißig Jahren, eine Stellung erobert wie keine andere sozialistische Partei der Welt, eine Stellung, die ihr binnen kurzer Frist den Heimfall der politischen Macht sichert. Das sozialistische Deutschland nimmt in der internationalen Arbeiterbewegung den vordersten, den ehrenvollsten, den verantwortlichsten Posten ein; es hat die Pflicht, diesen Posten gegen jeden Angreifer bis zum letzten Mann zu behaupten.“[6]

„Der Friede“, so zeigt sich Engels überzeugt, „sichert den Sieg der deutschen Sozialdemokratischen Partei in ungefähr zehn Jahren“[7]. Dieser Optimismus gründet sich auf dem stetigen Anwachsen dieser von Marx und Engels bis dahin mitgeprägten Partei. Er rechnet in dem Artikel das Wachstum der für sie abgegebenen Stimmen[8] vor, die sich von 1871 mit gut 100.000 Wählern auf fast 1,5 Millionen im Jahre 1890 entwickelt hatte. Von beklemmender Aktualität sind seine Darlegungen darüber, wie sich das mit der wachsenden Kriegstreiberei der Herrschenden in Deutschland verbindet, deren Kriegsführungspläne ohne massenhafte Einziehung von Rekruten nicht umzusetzen wären. Engels schildert dieses Dilemma der Herrschenden so: „Die Hauptstärke der deutschen Sozialdemokratie liegt aber keineswegs in der Zahl ihrer Wähler. Bei uns wird man Wähler erst mit 25 Jahren, aber schon mit 20 Soldat. Und da gerade die junge Generation es ist, die unsrer Partei die zahlreichsten Rekruten liefert, so folgt daraus, dass die deutsche Armee mehr und mehr vom Sozialismus angesteckt wird. Heute haben wir einen Soldaten auf fünf, in wenigen Jahren werden wir einen auf drei haben, und gegen 1900 wird die Armee, früher das preußischste Element des Landes, in ihrer Majorität sozialistisch sein. Das rückt heran, unaufhaltsam wie ein Schicksalsschluß. Die Berliner Regierung sieht es kommen, ebensogut wie wir, aber sie ist ohnmächtig. Die Armee entschlüpft ihr.“[9]

Wir wissen heute, dass die imperialistischen Regierungen gegen diese drohende Gefahr Chauvinismus und Nationalismus angefeuert und Repressionen inner- und außerhalb der Armee in einer damals noch kaum vorstellbare Weise verstärkt haben – so wie heute ja wieder eine von Monat zu Monat sich steigernde chauvinistische und europadeutschnationale Gefühlswallung alle Druck- und Suchmaschinen Deutschlands gleichschaltet.

Anders als Engels also wissen wir, zu welcher Barbarei imperialistische Mächte fähig sind, wenn sie sich selbst in Gefahr sehen, von den Schalthebeln der Macht verdrängt zu werden. Nicht bezogen auf die damals von Engels diskutierte nationale Ebene, aber angesichts der internationalen Prozesse bleibt dennoch gültig, was Engels zum Schluß des in manchen Ausgaben in zwei Folgen erschienenen Artikels im Kapitel I formulierte: Angesichts des Wachstum fortschrittlicher Kräfte in Deutschland wären die revolutionären Kräfte „Narren“, würden sie sich zu einem zu frühen Aufstand provozieren lassen. „Viel näher liegt die Frage, ob es nicht grade die Bourgeoisie und ihre Regierung sind, die Gesetz und Recht verletzten werden, um uns durch Gewalt zu zermalmen? Wir werden das abwarten. Inzwischen: ‚Schießen Sie gefälligst zuerst, meine Herren‘ Bourgeois! Kein Zweifel, sie werden zuerst schießen. Eines schönen Morgens werden die deutschen Bourgeoisie und ihre Regierung müde werden, der alles überströmenden Springflut des Sozialismus mit verschränkten Armen zuzuschauen; sie werden Zuflucht suchen bei der Ungesetzlichkeit, der Gewalttat. Was wird’s nützen? Die Gewalt kann eine kleine Sekte auf einem beschränkten Gebiet erdrücken; aber die Macht soll noch entdeckt werden, die eine über ein ganzes Reich ausgebreitete Partei von über zwei oder drei Millionen Menschen auszurotten imstande ist. Die konterrevolutionäre, momentane Übermacht kann den Triumph des Sozialismus vielleicht um einige Jahre verzögern, aber nur, damit er dann um so vollständiger und endgültiger wird.“[10]  

Manfred Sohn


 
[1]Engels starb am 5. August 1895 als 74jähriger in London

[2]Vgl. dazu „Marx Engels aktuell“ vom November 2025

[3]Friedrich Engels, Der Sozialismus in Deutschland, in: Marx Engels Werke (MEW), Band 22, Berlin 1963, S. 247

[4]Die Erweiterung dieses Pulverfasses durch das Bündnis Deutschlands mit Österreich-Ungarn einerseits und Russland/Frankreich mit Großbritannien andererseits konkretisierte sich historisch erst danach – diese Bündnisbildung verzögerte die Zündung des Fasses um den Preis der noch gewaltigeren Explosion.

[5]Engels, a.a.O., ebenda, S. 254

[6]ebenda, S. 254f

[7]ebenda, S. 256

[8]Damals noch mit einem stark eingeschränkten Wahlrecht, das z.B. für Frauen überhaupt nicht bestand

[9]Engels, a.a.O., S. 251

[10]ebenda, Hervorhebung im Original