Methodische Hilfen zur Analyse der Entwicklungen in den USA
Nein, auch wenn es anmutet, als sei es wie für heute geschrieben – das ist es nicht, was in der Wiener Presse vom 25. Oktober 1861 unter der Überschrift „Der nordamerikanische Bürgerkrieg“ aus der Feder von Karl Marx erschien und aus dessen erster Absatz hier zitiert sei: „Seit Monaten wiederholt die tonangebende Londoner Presse, Wochen- und Tagesblätter, dieselbe Litanei über den Amerikanischen Bürgerkrieg. … Sie schreibt in der Tat fortwährend zwei Artikel: Einen Artikel, worin sie den Norden angreift, und einen anderen Artikel, worin sie ihre Angriffe auf den Norden entschuldigt.“[1]
Analog dazu könnte in der Tat das, was von „tonangebenden“ deutschen Medien über uns ausgegossen wird, als eine Litanei bezeichnet werden, bei der sie in öder Weise mit dem einen Artikel darauf hinweisen, dass sich Deutschland angesichts des jetzigen US-Präsidenten auf die USA nicht mehr stützen dürfe und sie sich in dem nächsten dafür entschuldigen und darauf hinweisen, trotzdem sei dieses Land der wichtigste Verbündete, den der freie Westen habe.
Nicht der Verweis auf die verblüffende Aktualität der analyseschmalen, folglich also hin- und herschwankenden westeuropäischen Berichterstattung über US-amerikanische Ereignisse ist es, was die Lektüre der im ganzen Band 15 der Gesammelten Werke von Marx und Engels verstreuten Artikel über den dort vor 165 Jahren tobenden Krieg lohnt.
Mindestens drei wichtige methodische Hinweise, einen solchen Konflikt korrekt zu analysieren, ergeben sich aus diesen Aufsätzen – von denen wir uns hier auf die Artikel von Karl Marx beschränken[2].
Die erste dieser Lehre ist, sich von der Fixierung auf handelnde Personen zu lösen. Marx würdigt zwar die Rolle Abraham Lincolns, stellt ihn aber nirgends in den Mittelpunkt seiner Analyse[3]. Wichtig ist zum Beispiel sein Hinweis, dass dessen Sieg bei den Wahlen vom 6. November 1860 – also vor dem Beginn des Krieges – „selbst nur das Resultat einer Spaltung im demokratischen Heerlager (war). Während des Wahlkampfes vereinigte die Demokratie des Nordens ihre Stimmen auf Douglas, die Demokratie des Südens ihre Stimmen auf Breckinridge, und dieser Zersplitterung der demokratischen Stimmen verdankte die Republikanische Partei den Sieg.“[4] Eine Fixierung auf psychische Macken des gegenwärtigen Präsidenten führt für ein Verstehen der gegenwärtigen Prozesse in den Vereinigten Staaten nicht weiter.
Die zweite, sich in dieser Untersuchung der Amtserwerbung schon andeutende Lehre ist, die ökonomischen Grundlagen und die daraus abgeleiteten politischen Kräfteverhältnisse Bundesstaat für Bundesstaat zu analysieren[5]. Die USA waren nie ein monolithischer Block und sind es auch heute nicht, auch wenn sie sich nach außen gerne so darstellen. Dieses Land ist ein nach Klassen und Regionen tief zerklüftetes Territorium. Deutlich wird das aktuell an der zunehmenden Frontstellung der US-Regierung gegen einzelne, von Demokraten regierte Staaten wie New York oder jetzt Minnesota, die sich im letzten Fall bereits auf bürgerkriegsähnliche Zustände zubewegt und die für die Region der größten Stadt der USA offen angekündigt werden.
Drittens verfolgt Marx sehr genau auch die kleinsten rhetorischen Kniffe und politischen Manöver, um die Frage zu klären, wer hier eigentlich wen angegriffen hat. Das ist wichtig, weil die Konföderierten sich (bis heute) in der Rolle der vom Norden Angegriffenen gefielen, sie doch aber nur ihre Eigenständigkeit in einem bis heute so genannten „Sezessionskrieg“ behaupten wollten. Nichts ist falscher, schlussfolgert Marx nach gründlicher Analyse: „Man sieht also, dass der Krieg der südlichen Konföderation im eigentlichen Sinne des Wortes ein Eroberungskrieg zur Ausbreitung und Verewigung der Sklaverei ist.“[6] Weil die Sklavenhalterökonomie auf Expansion angewiesen war, konnte es keine friedliche Lösung geben, erkannte Marx schon im ersten Jahr dieses noch bis 1865 sich hinziehenden Krieges: „Der gegenwärtige Kampf zwischen Süd und Nord ist also nichts als ein Kampf zweier sozialer Systeme, des Systems der Sklaverei und des Systems der freien Arbeit. Weil beide Seiten nicht länger friedlich auf dem nordamerikanischen Kontinent nebeneinander hausen können, ist der Kampf ausgebrochen. Er kann nur beendet werden durch den Sieg des einen oder des andern Systems.“[7]
Ein großer Teil der europäischen Öffentlichkeit ließ sich von den ersten Erfolgen der Südstaaten blenden – Marx und Engels nicht. Sie zogen vielmehr die Verbindung zwischen dem langsamen Anlaufen der Kriegsmaschine der Nordstaaten und deren ökonomischer Basis: „Der Norden trat auf den Kriegsschauplatz, widerwillig, schläfrig, wie bei seiner höhern industriellen und kommerziellen Entwicklung zu erwarten war. Die soziale Maschinerie war hier ungleich komplizierter als im Süden, und es erheischte ungleich mehr Zeit, ihrer Bewegung diese ungewohnte Richtung zu geben.“[8] Mit Blick auf die ökonomische Basis der Nordstaaten einerseits und der Südstaaten andererseits hatten sie wenig Zweifel, wer am Schluss siegen würde und prophezeiten mitten in einer der schwersten militärischen Krisen der Nordstaaten aufgrund dieser Analysen, „dass die Negersklaverei den Bürgerkrieg nicht lange überleben wird.“[9]
Zu dieser Zeit – also im Spätsommer 1862 – ist der Krieg im wesentlichen entschieden, auch wenn er sich noch einige Jahre hinzieht. Er wird von Marx und Engels in mehreren Artikeln weiter kommentiert, die aber in den grundlegenden Analyselinien weder ökonomisch noch militärisch oder politisch korrigiert werden müssen. Das alles mündet schließlich in der von Marx verfaßten Glückwunschadresse des Zentralrats der Internationalen Arbeiterassoziation an Abraham Lincoln, die im deutschen „Social-Demokrat“ am 30. Dezember 1864 veröffentlicht wurde. In ihr wird – aus heutiger Sicht etwas verfrüht – der Hoffnung Ausdruck verliehen, dass „der amerikanische Krieg gegen die Sklaverei eine neue Epoche der Machtentfaltung für die Arbeiterklasse einweihen wird.“[10]
Es ist noch nicht absehbar, ob die Geschichte auf einen Artikel zuläuft, der erneut mit „Der nordamerikanische Bürgerkrieg“ überschrieben werden wird. Auf jeden Fall sind die von Marx unter diesem und ähnlichen Titeln verfaßten Arbeiten der Maßstab dafür, die zur Zeit in diese Richtung sich entwickelnden Prozesse sehr gründlich und in allen ihren Verästelungen zu analysieren, um zu ihrem Wesenskern zu gelangen.
Manfred Sohn
[1]Karl Marx, Der nordamerikanische Bürgerkrieg (geschrieben am 20.10.1861), in: Marx Engels Werke (MEW), Band 15,Berlin 1961, S. 329
[2]Friedrich Engels hat sich, der zwischen beiden vereinbarten Arbeitsteilung folgend, vor allem mit den militärischen Seiten dieses Konflikts befasst. Auch die von ihm gezeichneten Artikel sind ein Beispiel gründlicher Analyse geschichtlicher Prozesse. Die Hinweise zum Beispiel hinsichtlich der Bedeutung der industriellen Basis für die Entwicklung militärischer Kräfteverhältnisse werden hier aber aus Platzgründen nicht berücksichtigt.
[3]Er charakterisiert ihn als „eine Durchschnittsnatur von gutem Willen“ – MEW 15, S. 553l
[4]Marx, Der nordamerikanische Bürgerkrieg, a.a.O., S. 332, Hervorhebungen wie in allen Zitaten im Original
[5]Das geschieht vor allem in dem Artikel „Der Bürgerkrieg in den Vereinigen Staaten“, der ebenfalls in der Wiener Zeitung „Die Presse“ am 7. November 1861 erschien – MEW 15, S. 339ff
[6]ebenda, S. 344f
[7]ebenda, S. 346
[8]Karl Marx, Friedrich Engels, Der Amerikanische Bürgerkrieg (aus „Die Presse“ vom 26. März 1862), in: MEW 15, S. 487)
[9]Karl Marx, Zur Kritik der Dinge in Amerika (in „Die Presse“ vom 9. August 1862), in: MEW 15, S. 526
[10]Karl Marx, An Abraham Lincoln, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, MEW 16, Berlin 1962, S. 19
Marx-Engels-Stiftung e.V. · Gathe 55 · 42107 Wuppertal · Tel: +49 202 456504 · marx-engels-stiftung@t-online.de