Zur Aktualität des Marxismus als Friedens- und Umweltprojekt
„Die Proletarier haben nichts zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen. Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ (Das Manifest der Kommunistischen Partei. MEW 4. S. 493) In den letzten Jahrzehnten war es still um diesen Schluss aus dem Kommunistischen Manifest von 1848 geworden, obgleich er auch nach 178 Jahren hochaktuell ist. Proletarier sind Proletarier vor allem in der Zeitspanne, in der sie ihre Arbeitskraft an einer Arbeitsstätte unter dem Kommando eines Kapitalisten verausgaben. Dort und in dieser Zeit gilt es, sich international zu vereinigen, und das ist, dank der neuen Produktivkraft der Informations- und Kommunikationstechnik in einer Weise möglich geworden, woran früher nicht zu denken war.
In "Das Elend der Philosophie" äußerte Marx: "Die sozialen Verhältnisse sind eng verknüpft mit den Produktivkräften. Mit der Erwerbung neuer Produktivkräfte verändern die Menschen ihre Produktionsweise, und mit der Veränderung der Produktionsweise, der Art, ihren Lebensunterhalt zu gewinnen, verändern sie alle ihre gesellschaftlichen Verhältnisse. Die Handmühle ergibt eine Gesellschaft mit Feudalherren, die Dampfmühle eine Gesellschaft mit industriellen Kapitalisten." (MEW 4. S. 130) Auch ohne Dampfmaschinen ist die Gesellschaft kapitalistisch geblieben. Ein Kapitalist muss, sonst schluckt ihn die Konkurrenz, einen Teil des realisierten Mehrwerts als zusätzliches fixes Kapital, d.h. als technisch angetriebene Maschinen anschaffen. Motoren und angetrieben Maschinerie sind - auf den Punkt gebracht - die Produktivkraft der industriell kapitalistischen Produktionsweise, unverändert trotz unzähliger Neuerungen, wie etwa Akkuschrauber, Frachter für tausende Container, Drohnen als moderne Militärtechnik. „Die Bewegungsmaschine wirkt als Triebkraft des ganzen Mechanismus. Sie erzeugt ihre eigene Bewegungskraft, wie die Dampfmaschine, die kalorische Maschine, elektro-magnetische Maschine usw.“ (Das Kapital. MEW 23, S. 393) Diese Produktivkraft wird vor allem von Proletariern in ihren Jobs entworfen, produziert und angewendet - auf Kommando der jeweiligen Kapitalisten.
Die zusätzliche Investition des Mehrwerts bedeutet weitere Ansammlung von Maschinerie und die Ausweitung der Produktion, es werden mehr Rohstoffe benötigt und immer mehr Produkte entstehen. Das verkompliziert das Geschäft in hohem Maße. Ein Horror für das Kapital, vor allem wenn Kosten in der Zirkulationssphäre entstehen, wo kein Mehrwert produziert wird. Kapitalisten sind heiß darauf, etwas in die Hand zu kriegen, um damit fertig zu werden; genügend Proletarier sind findig darin, diese Mittel aus eigener Kenntnis der Probleme zu entwickeln. Es geht um die Organisation der Produktion, um Optimierung von Transporten und Auslastung von Anlagen, um Einkauf und Vertrieb, um Personalverwaltung, Vernetzung mit Partnern zur Abwehr von Konkurrenten. Es geht um Information, Kommunikation und Berechnung. Computer, Speichermedien und Vernetzung wurden nötig und entwickelt. Die so entstandene Informations- und Kommunikationstechnik ermöglicht eine umfassende Information und weltweite Kommunikation. All das ist zumeist Ergebnis proletarischer, d.h. Lohnarbeit. Diese Technik wird - "natürlich" - als Ware auf den kapitalistischen Markt geworfen. Solch eine „Ware scheint auf den ersten Blick ein selbstverständliches Ding. Ihre Analyse ergibt, dass sie ein sehr vertracktes Ding ist, voll metaphysischer Spitzfindigkeit und theologischer Mucken. (…) Woher entspringt ... der rätselhafte Charakter des Arbeitsprodukts, sobald es Warenform annimmt?“ (MEW 23, S. 86) Wer hierzulande ein Handy kauft, erfährt nichts vom Job jener Philippinas, die auf Taiwan bestimmte Platinen solcher Handys bestücken und im Tauchbad löten. „Das Geheimnisvolle der Warenform besteht also einfach darin, dass sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eignen Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt, daher auch das gesellschaftliche Verhältnis der Produzenten zur Gesamtarbeit als ein außer ihnen existierendes Verhältnis von Gegenständen.“ Man hat bestenfalls die Produkt-, nicht aber die Produzentenkette im Blick, wenn man eine Ware wie etwa ein Handy ersteht. Aber derartige Elemente der Kommunikationstechnik, an denen jene Philippinas und viele andere herum löten, sowie ergänzende Software ermöglichen es, dass die Produzenten in der gesamten Produktkette und weit darüber hinaus untereinander und mit den Käufern lange vor dem Austausch in gesellschaftlichen Kontakt kommen könnten, so dass ihre Beziehungen "als unmittelbar gesellschaftliche Verhältnisse" gestaltbar würden und nicht bloß "sachliche Verhältnisse der Personen und gesellschaftliche Verhältnisse der Sachen" blieben (Marx zum Warenfetisch in Das Kapital, MEW 23. 85, 86).
Die skizzierte Rolle der Proletarier in der kapitalistisch verbundenen Produktion und Distribution verschafft ihnen eine einmalige Stellung gegenüber den Kapitalisten. Denn „innerhalb der bürgerlichen, auf dem Tauschwert beruhenden Gesellschaft, erzeugen sich sowohl Verkehrs- als auch Produktionsverhältnisse, die ebenso viel Minen sind, um sie zu sprengen.“ (Grundrisse. MEW 42, 93) Die Proletarier könnten bevor produziert wird und anders als beim Austausch fertiger Güter und mithilfe der Informations- und Kommunikationstechnik als einer neuen Produktivkraft gesellschaftlich klären - also planen -, was wie wozu und durch wen mit welchem Aufwand produziert werden und wem es warum zugute kommen soll. Die Produktkette beginnend etwa mit dem Mineral Coltan und weiter bis zur fertigen Elektronik bleibt dann nicht bloß ein gesellschaftliches Verhältnis der Vor- und Zwischenprodukte, sondern wird zu einem unmittelbar gesellschaftlichen Verhältnis jener Menschen, die sich zur Produktion dieser Teile zusammen reihen. Sie können dafür sorgen, dass keine Kinder- oder Zwangsarbeit in dieser Produzentenkette stattfindet und dass das Endprodukt nicht für eine Waffe verwendet wird. „Andrerseits“, so warnt Marx, „wenn wir nicht in der Gesellschaft, wie sie ist, die materiellen Produktionsbedingungen und ihnen entsprechenden Verkehrsverhältnisse für eine klassenlose Gesellschaft verhüllt vorfänden, wären alle Sprengversuche Donquichotterie.“ (Grundrisse. MEW 42, 93) In den letzten 40 Jahren wurden mit der Informations- und Kommunikationstechnik neue materielle Produktionsbedingungen entwickelt, die weit über das hinausgehen, was zuvor Telefon, Fax und Fernschreiben ermöglichten. Es geht nun darum, die der neuen Produktivkraft entsprechenden Verkehrsverhältnisse zu entwickeln. Würden die Proletarier die sämtlichen Produktketten der weltweiten Produktion zu bewusst organisierten Produzentenketten umgestalten, so würden sie sich Länder übergreifend vereinigen und – gestützt auf die Informations- und Kommunikatiostechnik - die dazu erforderlichen neuen Verkehrsverhältnisse schaffen. Man sieht, welche Fesseln abzuwerfen wären und welche Welt es zu gewinnen gäbe. Man wird auch sehen, welche Kämpfe die Proletarier zu führen haben, um das durchzusetzen. „In dem Kampf, den wir nur in einigen Phasen gekennzeichnet haben, findet sich diese Masse (an Proletariern. W.G.) zusammen, konstituiert sie sich als Klasse für sich selbst.“ (Das Elend der Philosophie. MEW 4, S. 181) Im Rahmen der neuen Verkehrsverhältnisse würden die Proletarier die Produktionsmittel in gesellschaftlichen Besitz nehmen und die Produktion den eigenen Interessen unterordnen und sich zugleich zur Klasse für sich formen.
So schön das Bild, so hart die Realität, und doch bietet es Ansätze, um den Kampf für Frieden, Umwelt und Gerechtigkeit zu bereichern. Dieser Kampf lässt sich in die Betriebe hineingetragen und auch überbetrieblich und transnational führen. Der kürzliche Streik in 20 Mittelmeerhäfen gegen Waffenlieferungen an Israel ist ein Beispiel dafür; es müssen mehr werden. Selbstredend werden sich die Kapitalisten zur Wehr setzen, aber das können sie nur, solange sie genügend Proletarier kaufen oder zwingen können, die andern davon abzuhalten, wie skizziert zu verfahren. In aktuellen Kämpfen um Löhne, Frieden und Umwelt gilt es auszuloten, wo und wie sich diese Fragen in die Betriebe und längs der bestehenden Produktketten überbetrieblich und transnational weitertragen lassen. Und wenn anfangs die Gewerkschaft "nur" ein Flugblatt gegen Kriegskurs und Kriegsproduktion vor der betrieblichen Kantine verteilt oder an die Fahrer des Logistikers weitergibt, der den Betrieb beliefert oder dessen Produkte abtransportiert.
Proletarier aller Länder vereinigt euch: Das fängt mit kleinen Schritten an, knüpft an das an, was Friedens-, Umweltbewegung und Gewerkschaften bereits tun, und zeigt weiter führende Pfade auf. Die Mittel, den langen Weg zu gehen, liegen zumeist in den Händen von Proletariern, nicht mehr in denen der Bourgeoisie. Es gilt, diese Mittel zu nutzen.
Wolf Göhring
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