In der Wochenzeitung „unsere zeit“ hat sich Erik Höhne am 10. Juli 2026 mit einem – zum Glück nicht angenommenen – Antrag auf dem Parteitag der Partei „Die Linke“ auseinandergesetzt, der einen „Unvereinbarkeitsbeschluss“ gegen „stalinistische, maoistische, autoritative und totalitäre Politikvorstellungen“ forderte. Er hat in diesem Zusammenhang hingewiesen auf einen im spöttischen Ton gehaltenen Artikel von Friedrich Engels, der 1874 in Italien veröffentlicht wurde. Die dortige sozialdemokratische Bewegung hatte sich damals noch stärker als die Genossinnen und Genossen in Deutschland mit antiautoritären Strömungen herumschlagen müssen.
Der Artikel beginnt mit folgenden drei Sätze, die von immer mal wiederkehrender Aktualität zu sein scheinen: „Einige Sozialisten haben in letzter Zeit einen regelrechten Kreuzzug gegen das eröffnet, was sie das Autoritätsprinzip nennen. Sie brauchen nur zu sagen, dieser oder jener Akt sei autoritär, um ihn zu verurteilen. Mit diesem summarischen Verfahren wird derart Mißbrauch getrieben, dass es nötig ist, die Angelegenheit ein wenig aus der Nähe zu betrachten.“[1]
Engels nimmt zunächst den Begriff selbst unter die Lupe und konstatiert, er besage soviel wie die „Überordnung eines fremden Willens über den unseren“. Autorität führe mithin auf der anderen Seite zur „Unterordnung“. Beides hätte nun mal einen „üblen Klang“ und er äußert Verständnis für die Frage, „ob es nicht ein Mittel gibt, anders auszukommen“. Für das Zeitalter, in dem wir leben, verneint er das im folgenden und begründet das im Kern damit, dass durch die fortwährende Entwicklung der Produktivkräfte die „isolierte Tätigkeit mehr und mehr durch die kombinierte Tätigkeit der Individuen“ ersetzt werde. Das beschreibt er im folgenden ausführlich anhand mehrerer Beispiele – so die Ersetzung einzelner „Fuhrwerke und Karren“ durch die „Züge der Eisenbahnen“. Sie bildeten damals die Spitze des technologischen Fortschritts und waren bereits hochkomplexe Systeme, die keinen einzigen Meter zurücklegen konnten, ohne dass vorher tausende und abertausende Menschen über Monate und Jahre hinweg koordiniert tätig werden mussten. Daran, so argumentiert Engels, ändere sich durch eine Umgestaltung der Machtverhältnisse nichts, solange man nicht zu den Fuhrwerken und Karren zurückkehren wolle: „Nehmen wir einmal an, eine soziale Revolution habe die Kapitalisten entthront, deren Autorität heutzutage die Produktion und die Zirkulation der Reichtümer lenkt. Nehmen wir, um uns ganz auf den Standpunkt der Antiautoritarier zu stellen, weiter an, der Grund und Boden und die Arbeitsinstrumente seien zum kollektiven Eigentum der Arbeiter geworden, die sich ihrer bedienen. Wird die Autorität dann verschwunden sein oder wird sie nur die Form gewechselt haben?“ An drei Beispielen entwickelt er seine Antwort. Zunächst untersucht er die Prozesse in einer Baumwollspinnerei und kommt zu dem Schluß: „Die Autorität der Großindustrie abschaffen wollen, bedeutet die Industrie selber abschaffen wollen; die Dampfspinnerei vernichten, um zum Spinnrad zurückzukehren.“ Das gelte auch für die Eisenbahn: „Was geschähe denn mit dem ersten abgehenden Zuge, wenn die Autorität der Bahnangestellten über die Herren Reisenden abgeschafft wäre?“. Und als drittes schaut er sich die Abläufe auf einem „Schiff auf hoher See“ an und kommt auch hier zu demselben Schluß: „Autorität und Autonomie sind relative Dinge, deren Anwendungsbereich in den verschiedenen Phasen der sozialen Entwicklung variieren.“ Das ist insofern ein für die heute lebenden Generationen ein wesentlicher Gedanke, als der weitere Verlauf der Entwicklung der Produktivkräfte tatsächlich Räume für mehr Autonomie öffnet. Wenn die notwendige Arbeitszeit zur Herstellung von Häusern, Nahrung, Kleidung und Klopapier gesellschaftlich sinkt, kann – vernünftige Organisation der gesellschaftlichen Arbeitsteilung vorausgesetzt – mehr Zeit verausgabt werden für Bereiche größerer Autonomie zum Beispiel beim Schreiben und Einüben von Theaterstücken oder Musik. Diese vernünftige Organisation der gesellschaftlichen Arbeitsteilung haben wir aber offensichtlich noch nicht erkämpft – sonst gäbe es ja kein Aufblühen von Rüstungsbetrieben, sondern ein Aufblühen von Bibliotheken, Theaterbühnen und Musikhochschulen in diesem Lande. Eines nach dem anderen, könnte damit der abschließende Gedanken von Engels zusammengefaßt werden – in seinen eigenen Worten:
„Alle Sozialisten sind einer Meinung darüber, dass der politische Staat und mit ihm die politische Autorität im Gefolge der nächsten sozialen Revolution verschwinden werden, und das bedeutet, dass die öffentlichen Funktionen ihren politischen Charakter verlieren und sich in einfache administrative Funktionen verwandeln werden, die die wahren sozialen Interessen hüten. Aber die Antiautoritarier fordern, dass der autoritäre politische Staat auf einen Schlag abgeschafft werde, bevor noch die sozialen Bedingungen vernichtet sind, die ihn haben entstehen lassen. Sie fordern, dass der erste Akt der sozialen Revolution die Abschaffung der Autorität sei. Haben diese Herren nie eine Revolution gesehen? Eine Revolution ist gewiß das autoritärste Ding, das es gibt; sie ist der Akt, durch den ein Teil der Bevölkerung dem anderen Teil seinen Willen vermittels Gewehren, Bajonetten und Kanonen, also mit denkbar autoritärsten Mitteln aufzwingt; und die siegreiche Partei muß, wenn sie nicht umsonst gekämpft haben will, dieser Herrschaft Dauer verleihen durch den Schrecken, den ihre Waffen den Reaktionären einflößen. Hätte die Pariser Kommune nur einen einzigen Tag Bestand gehabt, wenn sie sich gegenüber den Bourgeois nicht dieser Autorität des bewaffneten Volkes bedient hätte? Kann man sie nicht, im Gegenteil, dafür tadeln, dass sie sich ihrer nicht umfassend genug bedient hat?
Also von zwei Dingen eins: Entweder wissen die Antiautoritarier nicht, was sie sagen, und in diesem Fall säen sie nur Konfusion; oder sie wissen es, und in diesem Fall üben sie Verrat an der Bewegung des Proletariats. In dem einen wie in dem anderen Fall dienen sie der Reaktion.“
Mit diesen Worten endet dieser Artikel von Friedrich Engels. Der folgende Verlauf der Geschichte hat vor allem diese Schlußfolgerung im letzten Absatz bestätigt. Von damals über die in den 1950er Jahren durch alle Gazetten gejagten Totalitarismustheorie bis zur heutigen dröhnenden Frontstellung „demokratischer“ gegen „autoritäre“ Systeme zieht sich dieses Säen von Konfusion. Das Muster ist intellektuell langweilig, weil es immer dasselbe ist: Die Form der Ausübung von Herrschaft wird im ersten Schritt von ihrer Klassenfrage abgelöst. Im zweiten werden dann äußerliche Ähnlichkeiten von Über- und Unterordnung, die sich nicht aus politischen Zielen, sondern aus dem Stand der Produktivkraftentwicklung und folglich den gesellschaftlichen Notwendigkeiten, sie weiter zu entfalten, ergeben, so in den Vordergrund geschoben, dass sie die Klassenfrage ganz und gar verdecken.
Wer sich davon nicht den Kopf vernebeln lassen will, kann ihn sich mit diesem nur knapp vier Druckseiten langen Artikel in nur wenigen Minuten ordentlich durchlüften lassen.
Die Partei „Die Linke“ und die ihr nahestehende „Rosa Luxemburg Stiftung“ waren in diesen Fragen übrigens schon einmal weiter. Vom November 2020 bis zum Januar 2021 war im Gewerkschaftshaus in Stuttgart eine von Peter Schadt und Jörg Munder produzierte Wanderausstellung „#EngelsArgumente“ zu sehen, die diesem Artikel von Engels eine eigene Tafel mit der bezeichnenden Überschrift „Eine Revolution ist gewiss das autoritärste Ding, das es gibt“ gewidmet hat. Gefördert wurde diese Ausstellung damals vom DGB-Stadtverband Stuttgart, dem verdi-Bezirk Stuttgart, der Stiftung Menschenwürde und Arbeitswelt und – der Rosa-Luxemburg-Stiftung Baden-Württemberg.
Manfred Sohn
[1]Friedrich Engels, Von der Autorität, in: Marx Engels Werke (MEW), Band 18, Berlin 1973, S. 305-308, alle folgenden Zitate aus diesem Artikel, Hervorhebungen im Original
Marx-Engels-Stiftung e.V. · Gathe 55 · 42107 Wuppertal · Tel: +49 202 456504 · mes@marx-engels-stiftung.de