KI und Karl Marx
Das Thema der „Künstlichen Intelligenz“ (KI) springt uns geradezu von allen Seiten an. Von marxistischer Seite gibt es erste Versuche, es zu durchdringen – so von den „Marxistischen Blättern“, die es mit der Nummer IV/2025 zum Schwerpunkt gemacht haben, in dem 11 Autoren verschiedene Facetten dieses Themas beleuchten. Zu den „UZ-Friedenstagen“ im August dieses Jahres hat der CommPress-Verlag mit einem über 300 Seiten umfassenden Buch des dänischen Kommunisten Sven Tarp mit dem Titel „Die Ruhe vor dem Sturm“ in diese Debatte eingegriffen, die der marxistischen Durchdringung dringend bedarf.
Als Einstieg in diese sicherlich kontroverse Debatte mag der nachfolgend – Dank an dieser Stelle an Verlag und Autor – nachgedruckte Beitrag von Lothar Peter in den „Marxistischen Blättern“ III/2026 dienen. Wir werden auch seitens der Marx-Engels-Stiftung an dem Thema dranbleiben.
1.Einleitung
Heute gilt das Denken von Karl Marx und Friedrich Engels in der politischen und wissenschaftlichen Öffentlichkeit weithin als ein Relikt des 19.Jahrhunderts, also als veraltet und überholt. Das gilt vor allem auch für das Verständnis der gegenwärtigen Digitalisierung. Was sollten Marx und Engels schon über ChatGPT, Tiktok oder „Industrie 4.0“ zu sagen haben? Unmittelbar natürlich nichts, denn vor 150 Jahren gab es ja weder Internet noch Social Media, weder Smartphones noch Plattform-Ökonomie. Und schon gar nicht „Künstliche Intelligenz“ (KI). Und trotzdem soll es im Folgenden um die Frage gehen, ob das Denken von Marx und Engels für ein kritisches Verständnis von KI nicht nur nützlich, sondern sogar notwendig ist. Das erfordert einen Rückgriff auf einige theoretische Gesichtspunkte und Begriffe bei Marx und Engels…
Von zentraler Bedeutung für ein Verständnis von KI sind zunächst einmal die Begriffe „Arbeit“ und „Arbeitsprozess“ bei Marx. Warum?
2. Der Arbeitsprozess bei Marx
Durch die Medien wird aktuell häufig der Eindruck hervorgerufen, dass KI sich selbst hervorbringt, dass sie von Menschen unabhängig ist und sich ihrem Einfluss vollständig entzieht. So entsteht heute der Mythos von KI als einer übermächtigen, autonomen digitalen Maschine. Dem ist zunächst einmal prinzipiell entgegen zu halten, dass es sich trotz aller spektakulären Eigenschaften auch bei KI - wie bei allen Technologien - um das Ergebnis menschlicher Arbeit handelt. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass KI in unserer Wahrnehmung immer weniger mit konkreter menschlicher Arbeit in Verbindung gebracht wird. Aber wie dem auch sei: noch die erstaunlichsten Fähigkeiten von KI sind Resultate menschlicher Arbeit. Dazu später mehr.
Karl Marx hat das, was menschliche Arbeit allgemein kennzeichnet, wie folgt beschrieben: „Als Bildnerin von Gebrauchswerten, als nützliche Arbeit, ist Arbeit daher eine von allen Gesellschaftsformationen unabhängige Existenzbedingung des Menschen, ewige Naturnotwendigkeit, um den Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur, also das menschliche Leben zu vermitteln“ (K1, 57).
Auf den ersten Blick hin scheint KI von dieser Definition galaktisch weit entfernt zu sein. Aber, was Marx allgemein über die menschliche Arbeit sagt, trifft wesentlich auch auf KI zu. Und zwar aus einem doppelten Grund: Erstens bleibt KI unlösbar an Naturvoraussetzungen gebunden. Sie braucht natürliche Ressourcen wie z.B. Seltene Erden, Metalle für Hardware und nicht zuletzt ungeheure Mengen an Energie.
Zweitens ist KI Resultat von Arbeitsprozessen. Die wesentlichen Momente des Arbeitsprozesses hat Marx allgemein wie folgt bestimmt: „ Die einfachen Momente des Arbeitsprozesses sind die zweckmäßige Tätigkeit oder die Arbeit selbst, ihr Gegenstand und ihr Mittel“ (K1,193).
Diese Definition trifft nicht nur auf materielle Arbeitsprozesse, sondern auch auf immaterielle oder geistige Arbeitsprozesse wie bei KI zu. Auch bei geistiger Arbeit wirkt menschliche Arbeitskraft mit Hilfe von Arbeitsmitteln auf Arbeitsgegenstände ein. Auch hier wird also gearbeitet.
(Dabei ist es sogar möglich, dass man das von außen überhaupt nicht wahrnehmen kann. Das folgende kleine Gedankenexperiment kann das veranschaulichen: Ein Mensch sitzt regungslos in einem sonst völlig leeren Raum. Er bewegt sich also nicht und hat die Augen geschlossen. Und dennoch ist es möglich, dass dieser Mensch angestrengt arbeitet. Seine Arbeitstätigkeit ist dann nämlich das Denken selbst. Sein Arbeitsmittel ist z.B. eine Idee oder geistige Methode, die er im Kopf hat. Und sein Arbeitsgegenstand ist z.B. ein zu lösendes geistiges Problem. Der Mensch, den wir da sehen, könnte ein Software-Ingenieur sein, der über ein geeignetes KI-Tool zur Prozessoptimierung in der „Industrie 4.0“ nachdenkt).
Arbeit zur Entwicklung oder Anwendung von KI umfasst sowohl einfache Arbeit, mit der eher weniger qualifizierte Arbeitskräfte KI „trainieren“, also die Algorithmen mit Daten füttern, als auch hoch qualifizierte geistige Arbeit, um neue KI-Modelle zu entwickeln oder Anwendungsprobleme zu lösen. Zwischen einfacher KI-Arbeit und der Tätigkeit von hoch bezahlten KI-Spezialisten liegen zahlreiche unterschiedliche Qualifikationsniveaus. Auf die Situation der Arbeitskräfte bei KI werde ich später noch eingehen. Jetzt aber noch einmal zurück zu Marx’ Verständnis von Arbeit.
3. Produktivkraft der Arbeit
Der menschlichen Arbeit bzw. der Arbeitskraft kommt bei Marx im Verhältnis zu den beiden anderen Momenten des Arbeitsprozesses, den Arbeitsmitteln und den Arbeitsgegenständen, eine besondere Bedeutung zu; denn sie ist die produktive, verändernde, vorwärts treibende Kraft im Arbeitsprozess. Dagegen werden Arbeitsmittel entweder in der Natur vorgefunden oder sind bereits Ergebnisse angewandter menschlicher Arbeitskraft. Dasselbe gilt für die Arbeitsgegenstände. Entweder sind sie von Natur aus vorhanden oder schon von menschlicher Arbeit gemacht. Wegen ihrer gerade erwähnten besonderen Eigenschaft spricht Marx von der „Produktivkraft der Arbeit“: „Die Produktivkraft der Arbeit ist durch mannigfache Umstände bestimmt, unter anderem durch den Durchschnittsgrad des Geschicks der Arbeiter, die Entwicklungsstufe der Wissenschaft und ihrer technologischen Anwendbarkeit, die gesellschaftliche Kombination des Produktionsprozesses, den Umfang und die Wirkungsfähigkeit der Produktionsmittel und durch Naturverhältnisse“ (K1, 54).
Was folgt daraus für das Thema „Künstliche Intelligenz“?
Die Antwortet lautet hier ganz grundsätzlich: Ohne die kollektive „Produktivkraft der Arbeit“ von Millionen von Informatikern, Mathematikern und Software-Ingenieuren, aber auch von zahllosen Beschäftigten, die KI „trainieren“ oder praktisch anwenden, würde es KI überhaupt nicht geben.
4.Der Doppelcharakter des kapitalistischen Produktionsprozesses
Bisher ging es um das, was Marx unter Arbeitsprozess versteht, und darum, dass auch KI durch menschliche Arbeit entsteht. Aber Arbeit vollzieht sich nie in einem luftleeren Raum, sondern immer unter konkreten geschichtlichen und gesellschaftlichen Bedingungen. Im Kapitalismus nimmt Arbeit einen Doppelcharakter an: Sie ist einerseits Arbeitsprozess zur Herstellung von Gebrauchswerten und andererseits kapitalistischer Produktionsprozess von Tauschwerten, nämlich von Waren. Insofern ist der kapitalistische Produktionsprozess – so Marx - eine „Einheit von Arbeitsprozess und Verwertungsprozess“ (K1,211).
Im Kapitalismus wird bekanntlich nicht wegen des Gebrauchswerts, sondern wegen des Tauschwerts der Waren produziert. Alles macht der Kapitalismus zur Ware, auch die menschliche Arbeitskraft. Im Unterschied zu allen anderen Waren hat die Ware Arbeitskraft jedoch die besondere Eigenschaft, in einer gegeben Zeit mehr Wert zu produzieren als sie selbst enthält. Sie ist also die Quelle von Mehrwert bzw. Profit. Indem die Arbeitskraft zur Ware wird, werden die Arbeiter zu Lohnarbeitern. Dabei haben die Kapitalisten das Ziel, den Mehrwert möglichst zu erhöhen und deshalb die Lohnarbeiter so weit wie möglich auszubeuten. Dazu eine kurze Bemerkung: Marx verwendet durchgängig die männliche Form. Der Einfachheit wegen behalte ich das bei, obwohl es in Wirklichkeit natürlich immer um Männer und Frauen geht.
Die Formen kapitalistischer Ausbeutung sind vielfältig und reichen von extrem schwerer körperlicher oder psychisch belastender Arbeit bis zur Ausbeutung geistig anspruchsvoller Tätigkeiten. Alle diese Formen der Ausbeutung finden sich auch bei KI.
5. KI und Ausbeutung der Arbeitskraft
KI entsteht in großem Umfang durch einen Typ von Arbeit, der als „crowdwork“, also „Arbeit der Menge“, bezeichnet wird. Dabei handelt es sich um digitale Arbeit. Sie wird häufig in der Form von Aufträgen auf Online-Plattformen ausgeschrieben. Das wiederum nennt man „crowdsourcing“. Von „crowd“ spricht man hier deshalb, weil es sich um eine große, anonyme und weltweit verstreute Zahl von meist Solo-Selbstständigen handelt. Sie können unterschiedliche Aufträge nach einander abarbeiten oder gleichzeitig an mehreren unterschiedlichen Projekten arbeiten. Diese „Crowdworker“ verkörpern etwas von dem, was Marx „general intellect“, also „ allgemeinen Intellekt“ oder „allgemeinen Verstand“, genannt hat. Damit wollte er sagen, dass die Verallgemeinerung von wissenschaftlichem Wissen zur absolut notwendigen Bedingung für die wissenschaftlich-technische Weiterentwicklung des Kapitalismus geworden sei.
Entweder als so genannte Mikrojobber und „freelancer“ oder als Lohnabhängige erhalten die „Crowdworker“ bestimmte Aufträge, etwa der Programmierung, Textgenerierung oder Bildgestaltung, die sie unter bestimmten zeitlichen und sachlichen Bedingungen abarbeiten müssen. Obwohl die Arbeit der „Crowdworker“ oft qualifiziert ist, bilden sie eine Art digitaler Tagelöhner. Aber „crowdwork“ umfasst nicht nur qualifizierte Tätigkeiten, sondern auch die oft gering qualifizierte Massenarbeit für KI , nämlich die so genannte „clickwork“. Weltweit versorgen Millionen von „Clickworkern“ die KI mit riesigen Datenmengen, indem sie die Daten „annotieren“ und „labeln“. Aus ihnen kann KI dann Erkennungsmuster und Zusammenhänge ableiten. Indem die „Clickworker“ durch ihre Datenbearbeitung die KI „trainieren“, schaffen sie also die Voraussetzungen dafür, dass KI selbst „lernen“ kann. So lernt zum Beispiel KI durch die Bearbeitung unendlich vieler Daten bildlich Katzen von anderen Tieren oder Dingen zu unterscheiden. „Clickworker“ müssen oft unter miserablen Arbeitsbedingungen, ohne Arbeitsschutz und reguläre Arbeitsverträge schuften. Man kann sie deshalb als Prekariat des digitalen Kapitalismus bezeichnen. Crowd- und Clickworker leisten für internationale Big-Tech-Konzerne wie Google/Alphabet, Meta oder Amazon, deren Subunternehmen und zahllose weitere Auftraggeber unbezahlte Mehrarbeit. Dabei kann der Preis der Arbeitskraft bei qualifizierten Crowdworkern über ihrem Wert, bei gering qualifizierten Clickworkern meist weit unter ihrem Wert liegen. So bekommen wenig qualifizierte Clickworker etwa in Indien, auf den Philippinen oder in Kenia manchmal Stundenlöhne von weniger als 3 US-Dollar.
Der Ausbeutungscharakter von Clickwork tritt vor allem in den Ländern des „Globalen Südens“ massiv zutage. Hier verschmelzen kapitalistische und neokoloniale Ausbeutung zu einer perfiden Einheit. Nach Schätzungen der Weltbank betrug 2024 die Zahl der Crowd- und Clickworker weit mehr als 100 Millionen. Zu den besonders belastenden Arbeiten im Zusammenhang mit KI gehört die Tätigkeit von so genannten Content Moderators (übersetzt: Inhaltsprüfer). Das sind Arbeitskräfte, die zwar nicht unmittelbar selbst KI entwickeln oder anwenden, deren Tätigkeit aber für die Weiterentwicklung von KI unerlässlich ist. Die Aufgabe von Content Moderators besteht darin, nutzergenerierte Inhalte auf digitalen Plattformen darauf zu überprüfen, ob sie gesetzlichen Vorgaben oder den sich selbst auferlegten ethischen Kriterien der Plattformbetreiber entsprechen. Damit soll letztlich die Voraussetzung geschaffen werden, durch KI selbst unabhängig von menschlicher Kontrolle die rechtliche und ethisch-moralische Zulässigkeit von Daten und Informationen zu prüfen.
KI führt diese Kontrolle jedoch weniger streng durch als Contentmoderators und ist billiger als deren Arbeit. Bei ihrer Arbeit sind die Content-Moderatoren, oft Frauen, ständig mit verstörenden, traumatisierenden Texten und Bildern konfrontiert. Brutale Gewalt, Hass vor allem auf Frauen, Pornographie und Rassismus gehören zu den alltäglichen Erfahrungen, denen Inhaltsprüfer und – prüferinnen ausgesetzt sind. Hinzu kommt oft ein enormer Arbeitsdruck, hervorgerufen durch fehlende Pausen, hohe Quotenvorgaben, permanente Kontrolle der Arbeitsleistung und kurzfristige Arbeitsverträge.
Neben den schon erwähnten Formen von KI-Arbeit muss außerdem auf die ständig wachsende Zahl derjenigen Beschäftigten hingewiesen werden, deren Arbeit mit Hilfe von „algorithmischer Arbeitssteuerung“ rationalisiert und dequalifiziert werden soll. Das wiederum verdichtet nicht nur die „Poren des Arbeitstages“, wie Marx es anschaulich ausgedrückt hat (K1, 360/362), sondern ermöglicht auch in immer größerem Umfang den Einsatz von Arbeitskräften aus dem Niedriglohn-Sektor. Er ist in Deutschland bekanntlich sehr groß ist und umfasst über 20% des Arbeitsmarktes.
Die Ausbeutung digitaler Arbeitskräfte beschränkt sich aber nicht auf den Arbeitsprozess, sondern erfasst mit ihren zerstörerischen Konsequenzen auch die Naturbasis des gesellschaftlichen Lebens. Marx hat die doppelte Zerstörung sowohl der Natur als auch der Arbeitskraft durch den Kapitalismus schon klar vorausgesagt: „Die kapitalistische Produktionsweise entwickelt daher (nur) die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter“ (K1, 530; vgl. auch „Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei“- Gothaer Programm).
Nebenbei bemerkt: bei KI wird bis zu zehnmal mehr Energie verbraucht als für andere digitale Prozesse. Dass das für die Natur desaströse Folgen hat, liegt auf der Hand. Von den oft fürchterlichen Arbeitsbedingungen derjenigen ganz zu schweigen, die die für KI notwendigen wertvollen Metalle und Rohstoffe wie Kupfer, Aluminium oder Seltene Erden fördern müssen.
6.Von der Industriellen Revolution zur Künstlichen Intelligenz
Auch technologisch gesehen ist KI nicht plötzlich vom Himmel gefallen, sondern steht am gegenwärtigen Ende einer Entwicklung, die mit der Industriellen Revolution begann. Sie wiederum schuf die für den Kapitalismus notwendige technische Basis.
Als Industrielle Revolution bezeichnet man die Bahn brechenden technischen und wissenschaftlichen Neuerungen zwischen etwa 1770 und 1830 - in Deutschland verspätet bis etwa 1870. Diese Neuerungen wälzten den materiellen Produktionsprozess um. Sie waren gleichzeitig Bestandteil eines Prozesses, der die gesamte Gesellschaft grundlegend veränderte: nämlich sowohl den technischen Charakter der Produktion als auch die Produktionsverhältnisse und mit ihnen die Klassenstruktur. Die Industrielle Revolution brachte so zwei neue antagonistische soziale Klassen hervor: das Proletariat und die Bourgeoisie.
Die zentrale technische Rolle in der Industriellen Revolution spielte für Marx die Erfindung und Anwendung der Werkzeug- bzw. Arbeitsmaschine, deren Funktion er wie folgt beschrieb: „Die Maschine, wovon die industrielle Revolution ausgeht, ersetzt den Arbeiter, der ein einzelnes Werkzeug handhabt, durch einen Mechanismus, der mit der Masse derselben oder gleichartiger Werkzeuge auf einmal operiert und von einer einzigen Triebkraft, welches auch immer ihre Form, bewegt wird“ (396).
Die Arbeitsmaschine (etwa die „Spinning Jenny“) und die Antriebsmaschine (etwa die Dampfmaschine) der Industriellen Revolution resultierten aus Fortschritten der Wissenschaften. Wissenschaft wurde so, mit den Worten von Marx, zu einer „unmittelbaren Produktivkraft“, indem sie „Menschenkraft durch Naturkräfte“ und „erfahrungsmäßige Routine durch bewusste Anwendung“ (K1, 407) ersetzte. Die Anwendung naturwissenschaftlich-technischer Erkenntnisse machte es möglich, dass die Funktionen der menschlichen Hand auf die Maschine übertragen wurden. Damit trat der Mensch - so Marx - „neben den Produktionsprozess, statt sein Hauptagent zu sein“ (GR, 593). Er, also der Mensch, wird zum „Wächter und Regulator“ (GR, 592) des Produktionsprozesses.
Marx selbst spricht schon wörtlich von einem „automatischen System der Maschinerie“ (GR, 584), wie es dann hundert Jahre später für die industrielle Produktion insgesamt typisch wurde. Während aber bei Marx der Mensch das „automatische System der Maschinerie“ überwacht, gingen im Prozess der Automation seit etwa 1950 die Funktionen der Steuerung und Kontrolle ihrerseits auf automatische Aggregate über. Der Mensch überwachte und kontrollierte jetzt nur noch, ob die automatische Steuerung und Kontrolle störungsfrei funktionierten und ob eventuelle Rückkoppelungsinformationen, (das so genannte „Feedback“), korrekt umgesetzt wurden.
Im Verhältnis zur Automation seit Mitte des 20.Jahrhunderts stellt KI zwar eine neue Stufe der Verwissenschaftlichung, aber keinen absoluten Bruch mit der bisherigen Entwicklung dar. Vielmehr setzt sie die Logik sich selbst steuernder Maschinen fort. Allerdings mit einem qualitativen Unterschied: KI entwickelt sich zu einer immateriellen „Maschine“. Diese „lernt“ selbst, „eigenständig“ Lösungen für Probleme vorzuschlagen, die bisher dem menschlichen Intellekt vorbehalten zu sein schienen. Dabei versucht KI, die Funktionen neuronaler Netzwerke des menschlichen Gehirns zu kopieren.
7. Die kapitalistische Anwendung von Maschinerie und Künstlicher Intelligenz
Für Marx sind Maschinen im Kapitalismus sowohl Arbeitsmittel als auch konstantes Kapital, das ausschließlich der Verwertung dient. KI ist zwar ihrerseits keine materielle Maschine, sondern eine datenbasierte immaterielle Technologie, aber ebenso wie materielle Maschinen ist KI ein Verwertungsmittel des Kapitals. Generell werden Maschinen im Kapitalismus nämlich deshalb eingesetzt, weil - Zitat von Marx - „ihre Produktion weniger Arbeit kostet, als ihre Anwendung Arbeit ersetzt“ (K1, 444). Mit anderen Worten: Maschinen sind billiger als Arbeitskraft. Marx hat die verheerenden Auswirkungen des kapitalistischen Einsatzes von Maschinen eindrucksvoll analysiert und beschrieben.Einerseits verdrängen sie die lebendige Arbeit, andererseits erhöhen sie den Ausbeutungsdruck auf die verbleibenden Arbeitskräfte.
Marx geht in diesem Zusammenhang auch auf den Widerstand der Arbeiter gegen den Einsatz von Maschinen ein. Dieser Widerstand ist unter dem Begriff „Maschinenstürmer“ in die Geschichte der Industriellen Revolution eingegangen. Arbeiter begannen damals, so Marx, gegen „das Arbeitsmittel selbst, die materielle Existenzweise des Kapitals“ zu revoltieren (K1, 451).
Besonders seit Beginn des 19.Jahrhunderts zerstörten Arbeiter zum Beispiel Dampfwebstühle, Maschinen und Fabrikgebäude. Die verzweifelten Aktionen der „Maschinenstürmer“ in England, der so genannten „luddits“, - Ned Ludd hieß angeblich einer ihrer legendären Führer – wurden von den herrschenden Klassen blutig niedergeschlagen und die Überlebenden der Aktionen brutal verfolgt.
Trotz seiner Sympathie für die „Maschinenstürmer“ nahm Marx zu ihren Aktionen von einem theoretischen Standpunkt aus kritisch Stellung. Das geschah, indem er den grundlegenden Unterschied zwischen der objektiv nützlichen Funktion der Maschine einerseits und ihrer zerstörerischen kapitalistischen Anwendung andererseits hervorhob: „Es bedarf Zeit und Erfahrung, bevor der Arbeiter die Maschinerie von ihrer kapitalistischen Anwendung unterscheiden und daher seine Angriffe vom materiellen Produktionsmittel auf dessen gesellschaftliche Exploitationsform (also Ausbeutungsform) übertragen lernt“ (K1, 452). Für Marx ist also nicht die Maschine selbst das Problem; denn Maschinen und technischer Fortschritt könnten unter sozialistischen Bedingungen das Leben der Menschen in vielfältiger Weise verbessern. Das gilt grundsätzlich auch für KI.
So weit ich weiß, gibt es bisher noch keine spektakulären Rebellionen gegen KI, die mit denen der Maschinenstürmer vergleichbar wären. Aber es mehren sich die Anzeichen für einen wachsenden Widerstand der Beschäftigten gegen KI. Sie äußern sich vor allem als verdeckte Sabotage und Disfunktionalisierung von KI. Beschäftigte wehren sich, indem sie KI-Systeme absichtlich unterfordern, heimlich auf manuelle Prozesse umsteigen oder KI-Anweisungen nicht befolgen. Einer der Kommentatoren, ein Business-Mann, hat deshalb kürzlich ausdrücklich eine Parallele von KI zu den „Maschinenstürmern“ hergestellt: „Das ist die Geschichte neu betrachtet. 1811 zerschmetterten sie Textilmaschinen, um ihren Job zu retten. Heute haben wir es mit sanfter Sabotage (slack sabotage) und heimlicher Manipulation von Software zu tun. Die menschliche Natur hat sich nicht verändert, aber die Werkzeuge haben es“ (Evan Schuman 2025).
8.KI – Ursache von Arbeitslosigkeit?
Wenn es, wie Marx gezeigt hat, der ausschließliche Zweck des kapitalistischen Einsatzes von Maschinen ist, die - in Anführungszeichen - „teure“ menschliche Arbeitskraft zu ersetzen, so trifft das ebenfalls auf KI als immaterielle Technologie zu. In der gegenwärtigen Diskussion sind die Auswirkungen von KI auf Zahl, Qualität und Sicherheit der Arbeitsplätze umstritten. Euphorischen oder beschwichtigenden Stimmen stehen pessimistische und kritische Prognosen gegenüber. Nachdem die Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Yasmin Fahimi, noch vor kurzer Zeit warnende Stimmen wörtlich als „Quatsch“ bezeichnete, scheint sie jetzt ihre Meinung geändert zu haben. In einem Interview mit der Zeitschrift „Capital“ sagte sie im Sommer 2025, dass die Beschäftigung im gesamten IT-Bereich in einem „relevanten Umfang“ in Gefahr sei. Umfragen unter Unternehmen erbrächten - so Fahimi wörtlich - „gravierende Befunde“.
Dass die Befürchtungen der DGB-Vorsitzenden keineswegs aus der Luft gegriffen sind, wird durch das folgende Beispiel drastisch bestätigt. Ende Juli des Jahres 2025 sollten an einem Standort von Tiktok in Berlin-Friedrichshain 160 Beschäftigte entlassen werden. Ohne ihr Wissen arbeiteten sie an ihrer eigenen Entlassung; denn die KI, die von ihnen „trainiert“ wurde, sollte nach dem Willen des Managements ihre Arbeit ersetzen. Bei den betroffenen Content-Moderatoren handelte es sich um qualifizierte Arbeitskräfte. Sie trainierten KI darauf, rechtswidrige und ethisch fragwürdige Inhalte bei Tiktok zu blockieren. Die Content-Moderatoren drohten nicht nur ihren Arbeitsplatz zu verlieren, sondern es entstand dadurch gleichzeitig auch die Gefahr, dass KI zukünftig für Pornographie, Rassismus usw. anfälliger würde; denn KI ist, ironisch gesagt, viel „liberaler“ als die Prüfung durch Content-Moderatoren. Auf den drohenden Verlust ihrer Arbeitplätze reagierten die Betroffenen mit Streiks und Protestaktionen, die von der Gewerkschaft Verdi unterstützt wurden. Aber auch das konnte ihre Entlassung letztlich nicht verhindern. November 2025 endete der Arbeitskonflikt vor einer Einigungsstelle mit dem Resultat, dass die 160 Content-Moderatoren mit Abfindungen entlassen wurden.
9. Produktionsverhältnisse, Digitalwirtschaft und KI
Es geht dabei um die Bedeutung von KI für die berühmte These von Marx und Engels über den Widerspruch von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen. Dieser Widerspruch treibt nach Marx und Engels in allen auf Privateigentum beruhenden Gesellschaften auf eine revolutionäre Lösung zu – Zitat : „Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein“ (Vorwort zur Kritik der Politischen Ökonomie, 1859, AW I, 336).
Dass KI ein modernes Resultat der Produktivkräfte der Arbeit ist, habe ich schon zu zeigen versucht. Was aber bedeutet KI hinsichtlich des Begriffs der Produktionsverhältnisse? Die Produktionsverhältnisse jeder Gesellschaft sind nach Marx und Engels bestimmt durch die eigentumsmäßige Stellung der „unmittelbaren Produzenten“, also der Arbeitenden, zu den Produktionsmitteln. Das entscheidende Kriterium für die gesellschaftliche Stellung der Menschen, also ihre Klassenlage, ist also das Eigentum oder Nicht-Eigentum an Produktionsmitteln.Was aber sind bei Marx und Engels „die Produktionsmittel“?
Im Kapitalismus bestehen die materiellen Produktionsmittel vor allem aus Grundstücken, Produktionshallen, Werkstoffen, Maschinen, Energieträgern usw. (Die Gesamtheit der Produktionsmittel setzt sich also zusammen aus Arbeitsmitteln und Arbeitsgegenständen). Sie sind das private Eigentum der Kapitalisten, die damit auch darüber verfügen können, was mit ihnen geschieht. Ebenso wie im Bereich der materiellen Produktion sind die Kapitalisten der digitalen Ökonomie Eigentümer der hier angewandten Produktionsmittel.
Die in der digitalen Ökonomie angewandten Produktionsmittel sind sowohl materieller als auch immaterieller Natur. Bei den materiellen Produktionsmitteln handelt es sich hier beispielsweise um Gebäude, technische Infrastruktur und Hochleistungsrechner sowie um immense Mengen an Energie. Die immateriellen Produktionsmittel bestehen ihrerseits zum Beispiel aus Algorithmen, Datenbanken, Cloud-Leistungen, KI-Modellen, KI-Tools usw. High-Tech-Giganten wie die „glorreichen Sieben“, also Nvidia, Alphabet, Meta usw., besitzen einerseits die für KI erforderlichen sachlichen Produktionsmittel. Andererseits sind auch immaterielle Produktionsmittel ihr Eigentum. Und zwar in einem so großen Umfang, dass sie die gesamte Digitalökonomie weltweit beherrschen und kontrollieren.
Ihre Profite generieren die genannten Big-Data-Monopole und andere Größen der Branche, indem sie sich Mehrwert aneignen (z.B. durch die Produktion von KI-geeigneten Chips bei Nvidia, durch die Produktion von Smartphones bei Apple oder Logistik bei Amazon). Sie machen aber auch Gewinne durch so genannte „Informationsrenten“ (Ralf Krämer). Dabei handelt es sich um Erlöse aus immateriellem oder geistigem Eigentum (wie Programmierung, Datenbanken, Rechnerleistungen, Cloud-Geschäften, Patenten usw.). Für deren Nutzung müssen andere Unternehmen und Marktakteure zahlen. Google beispielsweise stellt Werbung treibenden Unternehmen eine Plattform und hoch effektive KI-Tools zur Verfügung, damit sie möglichst erfolgreich werben können.
Was folgt aus all dem für den Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen im Kapitalismus und für die Rolle, die KI heute dabei spielt?
Der heutige Kapitalismus ist wegen seiner Verwertungslogik unfähig, die Produktivkräfte im gesellschaftlichen Interesse weiter zu entwickeln. Das schließt begrenzte spektakuläre Fortschritte etwa durch KI nicht aus. Aber insgesamt zeigt sich heute, dass die modernen Produktivkräfte immer mehr in Destruktivkräfte umschlagen, wie zum Beispiel Arbeitslosigkeit, Rüstungsproduktion, Umweltzerstörung und mediale Manipulation beweisen. KI spielt dabei eine verhängnisvolle Rolle. Aber um es noch einmal unter Hinweis auf Marx und Engels zu betonen: nicht KI an sich ist die Ursache zerstörerischer Folgen für Mensch und Natur, sondern ihre kapitalistische, allein auf Profit gerichtete Anwendung.
In vielen Bereichen des Lebens könnte KI zu wesentlichen Verbesserungen beitragen: Verkürzung der Arbeitszeit, Verteilung von Produktivitätsgewinnen zugunsten der Befriedigung gesellschaftliche Bedürfnisse, Verwendung für zivile und umweltschonende Zwecke - das und zahllose andere Fortschritte könnten durch KI Wirklichkeit werden, wenn sie von ihren „kapitalistischen Fesseln befreit“ würde.
Zu empfehlende Literatur:
Florian Butollo/Sabine Nuss (Hrsg.), 2023: Marx und die Roboter. Vernetzte Produktion, Künstliche Intelligenz und lebendige Arbeit, Berlin: Karl Dietz Verlag. Berlin: Karl Dietz Verlag, 2.Aufl.
Joseph Weizenbaum, 1978: Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft, Frankfurt am Main : Suhrkamp.
Thomas Ramge, 2023: Mensch und Maschine. Wie Künstliche Intelligenz und Roboter unser Leben verändern, Stuttgart: Reclam, 10.Aufl.
Tanja Carstensen, Simon Schaupp und Sebastian Sevigniani (Hrsg.), 2023: Theorien des digitalen Kapitalismus. Arbeit, Ökonomie, Politik und Subjekt, Berlin: Suhrkamp.
Christian Fuchs, 2023: Der digitale Kapitalismus. Arbeit, Entfremdung und Ideologie im Informationszeitalter, Weinheim: Beltz Juventa.
Manuela Lenzen, 2024: Der elektronische Spiegel. Menschliches Denken und künstliche Intelligenz, München: C.H.Beck (2.Aufl.).
Ingo Dachwitz/Sven Hilbig, 2025: Digitaler Kolonialismus. Wie Tech-Konzerne und Großmächte die Welt unter sich aufteilen, München: C.H.Beck.
Autor: Lothar Peters, Soziologe, Bremen
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