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Marx und Engels zur Rolle der Gewalt in der Geschichte 

Zumindest die in Westeuropa jetzt so langsam Richtung Rente gehenden Generationen lebten jahrzehntelang in einer geschichtlichen Phase, in der offene systematische Gewalt in ihrem Alltag meist keine dominierende Rolle spielte. Sie hörten als Heranwachsende bei den Familienzusammenkünften von den Orgien der Gewalt, die die 1940er Jahre auf diesem Kontinent prägten. Dort war noch lebendig, was in der jüngsten Vergangenheit von allen herrschenden hiesigen Medien sorgfältig totgeschwiegen wurde: Der Überfall von über drei Millionen bis an die Zähne bewaffneter junger deutscher Männer auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941, der den Beginn des bisherigen Höhepunkts staatlicher organisierter, völkermordender Gewalt in der Geschichte der Menschheit markierte. Es folgten danach einige Jahrzehnte relativer Ruhe. Sie scheinen eine Art Luftholen vor einer nächsten Welle staatlich organisierter Gewalt gewesen zu sein. Die jetzt in die politische Aktion eintretende Generation auch auf diesem Halbkontinent wächst heran in einem Umfeld, in dem die Gewalt von Jahr zu Jahr spürbar eine immer größere Rolle spielt. Im Gaza wurden nach UN-Angaben seit Oktober 2023 mindestens 20.000 Kinder gezielt getötet, weil „jedes Kind, das jetzt – in dieser Minute – geboren wird, bereits ein Terrorist ist“, wie der Knesset-Abgeordnete Nissim Vaturi im Januar 2025 bekannte. Das ökonomisch stärkste Land Westeuropas, Deutschland, hat 2022 sein größtes Aufrüstungsprogramm seit 1945 gestartet und die gesetzlichen Voraussetzungen geschaffen, um alle deutschen Männer demnächst, wenn sie es nicht freiwillig tun, wieder unter einen Stahlhelm zu zwingen. Die Gewalt rückt heran und scheint sich auf eine neue Orgie einzustimmen, die die aus den düsteren Jahren von 1937[1] bis 1945 noch in den Schatten zu stellen droht.

Karl Marx und Friedrich Engels wuchsen in einer vergleichbaren Periode einer gewissen Atempause der Geschichte dieses Kontinents auf. Hinter ihnen lag die französische Revolution und lagen die blutigen napoleonischen Kriege. Geboren 1818 und 1820 erlebten sich nach der Revolution von 1848, die sie aktiv mitgestalteten und infolge ihrer Aktivitäten ins Exil gezwungen wurden, eine der eher ruhigen Phasen des Kapitalismus – von den Kriegen Preußens gegen Österreich und später gegen Frankreich 1870/71 abgesehen. Sie wussten aufgrund ihrer Studien über geschichtliche Gesetzmäßigkeiten beide, dass das nicht so bleiben würde. Engels, der deutlich länger lebte als sein etwas älterer Freund, sah 1887 den heraufziehenden ersten Weltkrieg bereits mit damals noch seltener Klarheit kommen: „Und endlich ist kein andrer Krieg für Preußen-Deutschland mehr möglich als ein Weltkrieg, und zwar ein Weltkrieg von einer bisher nie geahnten Ausdehnung und Heftigkeit. Acht bis zehn Millionen Soldaten werden sich untereinander abwürgen und dabei ganz Europa so kahlfressen, wie noch nie ein Heuschreckenschwarm. Die Verwüstungen des Dreißigjährigen Kriegs zusammengedrängt in drei bis vier Jahre und über den ganzen Kontinent verbreitet; Hungersnot, Seuchen, allgemeine, durch akute Not hervorgerufene Verwilderung der Heere wie der Volksmassen; rettungslose Verwirrung unseres künstlichen Getriebes in Handel, Industrie und Kredit, endend im allgemein Bankerott; Zusammenbruch der alten Staaten und ihrer traditionellen Staatsweisheit, derart, dass die Kronen zu Dutzenden über das Straßenpflaster rollen und niemand sich findet, der sie aufhebt; absolute Unmöglichkeit, vorherzusehn, wie das alles enden und wer als Sieger aus dem Kampf hervorgehen wird; nur ein Resultat absolut sicher: die allgemeine Erschöpfung und die Herstellung von Bedingungen des schließlichen Siegs der Arbeiterklasse.“[2]

Die Präzision dieser Weitsicht fiel nicht vom Himmel. Sie war durch die Studien der beiden in vielen Jahrzehnten erarbeitet. Diese Studien waren immer wieder auf die Rolle der Gewalt in der Geschichte zurückgekommen. Als sich Engels beispielsweise ausführlich mit der Frühgeschichte der Menschheit befasst, betrachtet er dabei immer wieder nachdenkend die Frage der Gewalt: „Wenn die Gewalt die Ursache der sozialen und politischen Zustände, was denn die Ursache der Gewalt? Die Aneignung fremder Arbeitsprodukte und fremder Arbeitskraft. Die Gewalt kann den Verzehr der Produkte ändern, aber nicht die Produktionsweise selbst, sie konnte nicht Fronarbeit in Lohnarbeit verwandeln, es sei denn, dass die Bedingungen dazu vorhanden und die Fronform eine Fessel der Produktion geworden.“[3]

Weil das so ist, gibt es auch diese auffällige Wellenform der Rolle der Gewalt in der Geschichte. Sie nimmt zu, wenn – allgemein gesprochen – die Produktionsverhältnisse gegen die Produktionsweise rebellieren, sie flaut ab, wenn sich neue Produktionsverhältnisse etabliert und sich die verschiedenen Klassen mehr oder weniger in ihr Schicksal und ihre Rolle gefügt haben. In ihnen ist aber, solange die eine Klasse die andere (oder die anderen) ausbeutet, dieses Gewaltverhältnis latent immer vorhanden als strukturelle Gewalt.

Gewalt in der Geschichte ist keine gleichförmige, sondern eine aufsteigende Wellenbewegung. Sie ist nicht von ewiger Dauer, sondern hat einen Anfang und ein Ende. Sie hatte zunächst, von gelegentlichen Zwistigkeit innerhalb oder zwischen der in Gruppen dünn den Globus bevölkernden Urgesellschaften abgesehen, keine wesentliche Bedeutung. Das ändert sich erst schleichend und langsam: „Das Privateigentum tritt überhaupt in der Geschichte keineswegs auf als Ergebnis des Raubs und der Gewalt. … Selbst die Bildung einer naturwüchsigen Aristokratie, wie sie bei Kelten, Germanen und im indischen Fünfstromland auf Grund des gemeinsamen Bodeneigentums erfolgt, beruht zunächst keineswegs auf Gewalt, sondern auf Freiwilligkeit und Gewohnheit.“[4] Zum vorübergehenden Dauerbegleitung der Menschheit wird Gewalt erst mit der Etablierung von Klassengesellschaften und dem Kampf der herrschenden Klassen um den Ertrag der von ihnen ausgebeuteten produktiven und unterdrückten Klassen. In der Sklavenhaltergesellschaft wird sie ständiger Begleiter aller Verhältnisse, im Feudalismus noch einmal gesteigert und sie wird zur völligen Unentbehrlichkeit mit der Errichtung des Kapitalismus während der Etappe der sogenannte ursprüngliche Akkumulation des Kapitals: „Die verschiedenen Moment der ursprünglichen Akkumulation verteilen sich nun, mehr oder minder in zeitlicher Reihenfolge, namentlich auf Spanien, Portugal, Holland, Frankreich und England. … Diese Methoden beruhn zum Teil auf brutalster Gewalt, z.B. das Kolonialsystem. Alle aber benutzen die Staatsmacht, die konzentrierte und organisierte Gewalt der Gesellschaft, um den Verwandlungsprozeß der feudalen in die kapitalistische Produktionsweise treibhausmäßig zu fördern und die Übergänge abzukürzen. Die Gewalt ist der Geburtshelfer jeder alten Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger geht. Sie selbst ist eine ökonomische Potenz.“[5]

Die Gewalt als eine solche „ökonomische Potenz“ kann erst aus der Geschichte der Menschheit verschwinden, wenn die Klassen, deren Kampf miteinander sie hervorgebracht hat, verschwunden sind. Bis dahin gilt auch für unsere Zeit der vorletzte der eben von Marx zitierten Sätze: Wir leben in der „alten Gesellschaft“, die Kapitalismus heißt. Sie geht schwanger mit „einer neuen“, der sozialistischen, die die Aufgabe hat, die Teilung der menschlichen Gesellschaft in Klassen, von denen die ein die andere(n) ausbeutet, in der die einen immer reicher und die anderen immer ärmer werden, zu überwinden. Dies kann ohne Gegengewalt nicht funktionieren – theoretisch nicht und praktisch nicht. Die faschistischen Armeen, die am 22. Juni 1941 den Bug überschritten, hatten den in den militärischen Weisungen des Führerhauptquartiers dokumentierten Auftrag, 40 Millionen Sowjetbürger zu ermorden und die Versklavung aller Überlebenden zugunsten der arischen Herrenrasse zu erzwingen. Gewaltloser Widerstand hätte niemanden dieser 40 Millionen gerettet, sondern der Erleichterung des Geschäfts der Schlächter gedient.

Die beiden, damals erst rund 30jährigen hellen Köpfe Karl Marx und Friedrich Engels haben das bereits gewußt, als sie an der aufregenden Jahreswende 1847/48 im letzten Absatz des „Manifests der Kommunistischen Partei“ schrieben: „Die Kommunisten verschmähen es, ihre Ansichten und Absichten zu verheimlichen. Sie erklären es offen, dass ihre Zwecke nur erreicht werden können durch den gewaltsamen Umsturz aller bisherigen Gesellschaftsordnung.“[6]

Seitdem ist über ein Vierteljahrtausend vergangen. Kein einziges dieser vielen Jahrzehnte hat den hier nur grob dargelegten Überlegungen zur Rolle der Gewalt in der Geschichte Lügen gestraft. Das gilt auch angesichts der von Marx und Engels noch nicht vorhersehbare Tatsache, dass die Menschheit seit der Erfindung der Atombombe über Waffen verfügt, die bei ihrem vollständigen Einsatz menschliches Leben auf diesem Planeten auslöschen würden. Kommunistinnen und Kommunisten sind keine Pazifisten. Sie wissen um die Notwendigkeit der revolutionären Gegengewalt, die Bertolt Brecht 1952, also nach Hiroshima, so formulierte:

„Denn der Menschheit drohen Kriege, gegen welche die vergangenen wie armselige Versuche sind, und sie werden kommen ohne jeden Zweifel, wenn denen, die sie in aller Öffentlichkeit vorbereiten, nicht die Hände zerschlagen werden.“ (Bertolt Brecht, „Das Gedächtnis der Menschheit“)   

Manfred Sohn


 
[1]Die Jahreszahl ist bewußt gewählt. Der zweite Weltkrieg wird hierzulande auf den Zeitraum vom 1. September 1939 bis zum 8. Mai 1945 datiert. Das ist eine sehr eurozentristische Sicht. Für das große chinesische Volk begann er bereits am 7. Juli 1937 und währte bis zur Kapitulation Japans am 9. September 1945.

[2]Friedrich Engels, Einleitung zu Borkheims Broschüre „Zur Erinnerung für die deutschen Mordspatrioten“, in: Marx Engels Werke (MEW), Band 21, Berlin 1973, S. 350f

[3]Aus Engels Vorarbeiten zum „Anti-Dühring“, in: MEW 20, Berlin 1962, S. 588. Diese Überlegungen finden sich in den zu seinen Lebzeiten nicht veröffentlichten Notizen für das geplante große Werk über die „Dialektik der Natur“, das er nach dem Tod von Karl Marx (1883) zurückgestellt hatte, um die Herausgabe des zweiten und dritten Bandes vom „Kapital“ zu gewährleisten.

[4]Friedrich Engels, Anti-Dühring, Abschnitt „Gewaltstheorie“, in: MEW 20, S. 150

[5]Karl Marx, Das Kapital, MEW 23, Berlin 1974, S. 779

[6]Karl Marx, Friedrich Engels, Manifest der Kommunistschen Partei, MEW 4, Berlin 1974, S. 493