Zu den Wurzeln der „rasenden Zerstörung“ unserer Zivilisation
Die „Neue Gesellschaft für Psychologie“ führte im März dieses Jahres im Berliner Stadtteil Neukölln einen Kongreß unter der Überschrift „Rasende Zerstörung“ durch. Er wurde von den herrschenden Medien wie vieles Wertvolle unserer Zeit weitgehend ignoriert, war aber in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Zum einen schon durch seine Resonanz in Fachkreisen: Statt wie in den Vorjahren zu ähnlichen Kongressen knapp hundert hatte sein Programm rund 150 Menschen ins „Kesselhaus“ gelockt. Dieses Programm, das sich auf „Ursachen und ökonomische, politische und psychosoziale Folgen der Kriegsvorbereitung“ konzentrierte, hatte es in der Tat in sich. Die Referate spannten sich von theologischen Betrachtungen, vorgetragen von Eugen Drewermann über Wolfgang Bittners Darlegungen „wie die Bevölkerung auf einen Krieg eingestimmt“ wird bis hin zu Annette Groths Betrachtungen über „Palästina und Neokolonianismus“. Die Fülle der Argumente der prall gefüllten drei Kongresstage war vor Ort kaum zu verdauen – gut, dass demnächst der Band mit allen Vorträgen gedruckt vorliegen wird.
Eine der bemerkenswertesten Beiträge – diese Wertung sei ohne Herabsetzung der anderen Refenten gestattet – stammte vom Vorsitzenden der Gesellschaft, Benjamin Lemke, selbst. Er wies zur Einführung des zweiten Kongreßtages auf die tieferliegenden Ursachen der Kriegsvorbereitung hin und zitierte dabei Karl Marx, der im ersten Band des „Kapital“ den Vampircharakter des ganzen kapitalistischen Systems erklärt habe: „Das Kapital hat aber einen einzigen Lebenstrieb, den Trieb, sich zu vermehren, Mehrwert zu schaffen, mit seinem konstanten Kapital, den Produktionsmitteln, die größmögliche Masse Mehrarbeit einzusaugen. Das Kapital ist verstorbne Arbeit, die sich nur vampyrmäßig belebt durch Einsaugung lebendiger Arbeit, die um so mehr lebt, je mehr sie davon einsaugt.“[1] Lemke führte dann zur weiteren Erläuterung des Kongressmottos den Widersinn aus, dass dieser Vampir nicht nur immer zerstörerischer agiere, sondern auch immer mehr wie ein Getriebener seines eigenen Zerstörungswahns wirke. Donald Trump ist in der Tat so betrachtet die Fleisch gewordene „rasende Zerstörung“, die, Brandfackel auf Brandfackel schleudernd, um den ganzen Globus rast, bis sie von den nach Ruhe und Frieden dürstenden Völkern irgendwann gestoppt wird.
Zu ergänzen wäre an dieser Stelle und in einem nachdenkfördernden Abstand zu diesem bemerkenswerten Berliner Kongreß vielleicht nur die folgende kurze Anmerkung und Anregung zur Vertiefung des Aspekts des „rasenden“ als nähere Bestimmung der „Zerstörung“.
Im zweiten Band des „Kapital“ befaßt sich Marx mit dessen Zirkulationsprozess. Das gesamte Kapitel 5 ist der „Umlaufzeit“[2] gewidmet. Auf den Aspekt der „Zeit“ für die Funktionsweise des kapitalistischen Systems kommt er dann in eigenen Abschnitten und Kapiteln immer wieder zurück – „Kauf- und Verkaufszeit“, „Umschlagzeit und Umschlagzahl“, „Produktionzeit“ und „Umlaufzeit“.
Die vielleicht auf den ersten Blick überraschende Bedeutung des Faktors „Zeit“ für das kapitalistische System ergibt sich aus dem oben aufgeführten Vampir-Zitat. Das Einsaugen lebendiger Arbeitskraft geschieht nur im Produktionsprozess selbst. „Umlaufzeit und Produktionszeit schließen sich wechselseitig aus.“[3] Daraus folgt der innere Drang jedes Unternehmers, die Umlaufzeit, in der den Waren, die er mit höchstmöglichen Profit verkaufen will und muss, keinen Mehrwert hinzufügen kann, möglichst gering zu halten: Zeit ist Geld. Marx weist darauf hin, dass mit dem Kapitalismus auch etwas in die Welt gekommen ist, das es in der zehntausene von Jahren währende Geschichte der Menschheit vorher – von wenigen Ausnahmen wie die Begleitung einer nächtlichen Geburt oder der Abwehr des Überfalls eines nachtaktiven Greifsaugers einmal abgesehen – nicht gab: Die Nachtarbeit. Das hat einen tiefliegenden Grund. Das fixe (also tote) Kapital aus Gebäuden, Maschinen, Rohstoffen gebiert nur Mehrwert, wenn es in Verbindung mit variablen Kapital, also menschlicher Arbeitskraft gerät. Ansonsten ist es, wie die Unternehmer mit einem Anflug von Ehrlichkeit ja auch zu sagen pflegen, „totes Kapital“. Die Maschinen müssen laufen, möglichst ununterbrochen – in den Worten von Marx: „Die normalen Unterbrechungen des ganzen Produktionsprozesses, also die Intervalle, worin das produktive Kapital nicht fungiert, produzieren weder Wert noch Mehrwert. Daher das Bestreben, auch nachts arbeiten zu lassen.“[4] Deshalb schlendert das Kapital auch nicht durch die Welt auf der Suche nach Anlagemöglichkeiten, sondern hat eine ihm eigene andere Bewegungsform: „Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel.“[5]
Der Drang zur Geschwindigkeit, zum „Jagen“, wie Marx und Engels formulieren, hat der Menschheit auch einige Vorteile gebracht: „Die Verminderung der Umlaufszeit und dadurch der Umschlagszeit ist deshalb für die Verwertung des Kapitals sehr wichtig. Die praktischen Konsequenzen, die sich aus der notwendigen Verringerung der Umlaufszeit ergeben, bestehen einerseits in der Konzentration der Produktionszentren und andererseits in der Konzentration der Märkte an günstigen Verkehrspunkten. Die Entwicklung des Verkehrswesens, die Verkürzung der Seefahrtswege, zum Beispiel durch den Bau des Suez- und des Panamakanals, trugen entscheidend dazu bei, den Aufenthalt des Kapitals in der Zirkulationssphäre und damit den Umschlag des Kapitals zu verkürzen.“[6]
Die historischen Errungenschaften dieses über den Globus jagenden Systems, seine konstruktiven Seiten, haben ihren Zenit längst überschritten. Inzwischen überwiegen die destruktiven Seiten dieses Triebs, alles immer schneller und rasender werden zu lassen. Das Jagen, das Rasen, dieses Niederreißen aller dem Menschen von seiner Natur her auferlegten Schranken des Tätigseins, ist aber in den Gesetzen dieses Systems so tief verwurzelt, dass selbst die sich jetzt entfaltende Zerstörungsphase nur „rasend“ vor sich gehen kann. Selbst zu einem langsamen, gemächlichen Dahinsiechen ist dieses System nicht in der Lage. Selbst im Siechtum muß es rasen.
Manfred Sohn
[1]Karl Marx, Das Kapital, Marx Engels Werke (MEW) Band 23, Berlin 1974, S. 247
[2]Karl Marx, Das Kapital, Zweiter Band, MEW 24, Berlin 1975, S. 124ff
[3]Ebenda, S. 127
[4]ebenda, S. 125
[5]Karl Marx, Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, MEW 4, Berlin 1974, S. 465
[6]Alfred Lemmnitz, Kreislauf und Umschlag des Kapitals, Berlin 1974, S. 81
Marx-Engels-Stiftung e.V. · Gathe 55 · 42107 Wuppertal · Tel: +49 202 456504 · mes@marx-engels-stiftung.de