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Lukács´ Ontologie und die Renaissance des Marxismus

Erich Hahn

Georg Lukács (1885 - 1971) zählt zu den bedeutendsten marxistischen Intellektuellen des XX. Jahrhunderts. Die von ihm ausgehende Faszination liegt darin begründet, dass er die bemerkenswerte Wandlung vom Sohn eines wohlhabenden ungarischen Bankdirektors zum aktiven und organisierten Kommunisten vollzogen hat, dass er während der ersten gut vier Jahrzehnte seines Lebens sich nicht nur die grundlegenden Errungenschaften des westeuropäischen Geisteslebens aneignen sondern den Kapitalismus in Deutschland und Ungarn als kämpfender Parteifunktionär kennen lernen konnte und dass er nach seiner Lebensentscheidung für die Oktoberrevolution im Jahre 1918 bis zu seinem Tod für diesen Sozialismus gestritten und gelitten, ihn verteidigt und kritisiert hat.

Über die Notwendigkeit einer `Renaissance´ des Marxismus hat Lukács sich besonders in seinen letzten Arbeiten, in der Broschüre `Demokratisierung heute und morgen´ (niedergeschrieben 1968) sowie in seinem Alterswerk `Zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins´ (in Druck gegangen kurz vor seinem Tod) geäußert. Eine "Wiederherstellung der Methode des Marxismus" sei geboten. Besonders die Dialektik sei während der Periode der II. Internationale sowie durch die Fehler Stalins verzerrt worden. "Versäumnisse, Verwirrungen, Entstellungen" müssten durch langwierige Forschungsarbeit, durch Diskussionen über die prinzipiellen Fragen der Theorie und der Geschichte beseitigt werden.
Zwei Aspekte sollen hier hervorgehoben werden. Zum einen geht es Lukács um eine Erneuerung der analytischen Kraft des Marxismus. Die Weltentwicklung in der zweiten Hälfte des XX. Jahrhunderts hatte gravierende Probleme mit sich gebracht, deren marxistische Erklärung gründliche Untersuchungen erfordern. Dazu rechnete er beispielsweise die historische Tendenz des immer weiter sinkenden Aufwandes der Arbeit für die Reproduktion des menschlichen Lebens sowie die zunehmende ökonomische Vereinigung der gesellschaftlichen Welt. Nur der Sozialismus könne eine "theoretisch-praktische Einheit der ökonomischen Integration mit der echten und nunmehr, wenn auch allmählich, schwer, ungleichmäßig verwirklichbaren Gattungsmäßigkeit", des Menschen realisieren. Das Problem der Gleichheit der Menschen stelle sich damit in neuer Dimension. (Prolegomena. Zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins. I. Halbband. Herausgegeben von Frank Benseler, Darmstadt und Neuwied 1984, S.271) Gleichermaßen dringlich war für Lukács eine Wendung in der Theorie des Sozialismus - nicht zuletzt der Rückgriff auf Marx´ Konzept einer originär sozialistischen Demokratie.
Zum anderen ging es Lukács um die gedankliche Aufnahme, die Weiterführung des Erbes von Marx, Engels und Lenin auf theoretischem Gebiet im engeren Sinne. Und man darf sagen, dass er gerade in dieser Hinsicht eine `Renaissance´ des Marxismus nicht nur gefordert und begründet sondern einen wichtigen eigenen Beitrag zu einem der damit verbundenen Probleme vorgelegt hat - die `Ontologie´!
Schlägt man in einem philosophischen Wörterbuch nach, findet man in der Regel Erklärungen wie die, dass dieser Begriff sich aus den griechischen Wörtern `on´ - `das Seiende´ und `logos´ - `Lehre´ herleiten lässt, also die Lehre vom Sein, vom Sein als solchem, seinen allgemeinen Bestimmungen, beinhaltet. Warum nun Lukács meinte, dass die Ausarbeitung einer Ontologie - genauer gesagt, die Rekonstruktion der "Marxschen Ontologie", die Darstellung einer "materialistisch-historischen Ontologie" - auf der Tagesordnung stehe, soll im Folgenden an einem Gedankengang stichpunktartig skizziert werden.
Erstens. Für eine jede sozialistische Bewegung ergibt sich das theoretische Problem des Charakters, der Bedingungen, der Möglichkeiten und Grenzen menschlichen Handelns. Emanzipation, die Befreiung von geschichtlich überholten Verhältnissen in gemeinschaftlicher Aktion bedeutet allemal eine Änderung von Denk- und Verhaltensweisen, die ihrerseits politische Ziele, Orientierung und Organisation voraussetzt.
Zweitens. Vorherrschend im Marxismus-Leninismus war der Ansatz, dieses Problem im Wesentlichen durch die materialistische Erklärung des Bewusstseins aus dem Sein zu lösen. Die Fragen nach dem sich historisch verändernden Inhalt des gesellschaftlichen Bewusstseins und die nach seiner (revolutionären oder reaktionären) Rolle im geschichtlichen Geschehen müssen durch die Betrachtung des Charakters der gegebenen materiellen gesellschaftlichen Verhältnisse und der mit ihnen gegebenen Widersprüche beantwortet werden. Das Bewusstsein ist dem Sein gegenüber insofern sekundär, es ist Widerspiegelung, Produkt, Ausdruck des Seins.
Drittens. Dieser Ansatz ist unverzichtbar für eine materialistische Weltanschauung und für die Beantwortung der Frage nach der Rolle des Bewusstseins in Gesellschaft und Geschichte.
Zielstrebiges Handeln für gesellschaftliche Alternativen setzt - im Kontext unserer Fragestellung - zweierlei voraus: die Befreiung von idealistischen Illusionen, von den Lügen und Verdrehungen der herrschenden Ideologie und die Orientierung an den Interessen der Ausgebeuteten, der Armen und Benachteiligten der gegebenen Ordnung. Die Widersprüche des ideologischen Lebens können nur aufgehellt werden, wenn sie als Reflex der Konflikte des gesellschaftlichen Seins begriffen werden, wenn ihre Funktion und Wirksamkeit mit den Interessengegensätzen im materiellen Lebensprozess der Gesellschaft in Zusammenhang gebracht werden.
Viertens. Lukács sieht den Ausgangspunkt und das Anliegen einer philosophisch-wissenschaftlichen Ontologie in der Konzentration des philosophischen Denkens auf die Untersuchung der objektiven Wirklichkeit, "um den realen Spielraum für die reale Praxis (von der Arbeit bis zur Ethik)" aufzuzeigen. Als habe er die Fehlleistungen der Postmoderne geahnt, enthüllt er das philosophische Konzept, allein schon die philosophische Frage nach der Wirklichkeit als naiv und unwissenschaftlich abzutun, als ideologische Strategie der herrschenden Bourgeoisie. Es widerspricht den Interessen des Kapitals, die "wichtigen Gegensätze der kapitalistischen Gesellschaft ans Tageslicht der Öffentlichkeit zu bringen", sich zum Wesen "der eigenen Praxis zu bekennen." Das "Denken der Welt wirklich wieder auf das Sein zurückzuführen, kann heute nur auf dem Weg der Wiedererweckung der Ontologie des Marxismus erfolgen." (Ebenda S.33f)
Seine `Ontologie´ verstand Lukács als Alternative sowohl zu vulgärmaterialistischen Tendenzen als auch zu idealistischen Überhöhungen im Marxismus. Aus der berechtigten Frontstellung gegen idealistische Positionen seien ökonomische Beziehungen oft nicht genügend als gesellschaftliche Beziehungen von Menschen verstanden worden. Nachfolger von Marx hätten dem vulgärmechanistischen Vorurteil Tribut gezollt, "aus der objektiven Gesetzlichkeit der Ökonomie eine Art spezieller Naturwissenschaft " zu machen. Ökonomische Gesetze seien derart fetischisiert worden, "dass der einzelne Mensch als ein völlig einflussloses Objekt ihrer Wirksamkeit erscheinen musste." (Ebenda S.227) In der Tat führte die Überzeugung von der primären, entscheidenden Rolle der materiellen Verhältnisse und ihrer Dynamik oft zu einer Unterschätzung der Rolle der Ideen - in vorwärts drängender und in hemmender Hinsicht. Die letztlich historisch ausschlaggebende Wirkung objektiver Gesetzmäßigkeiten führte zu fatalistischen Folgerungen. `Auf die Gesetze ist Verlass! Sie werden es schon richten!´
Andererseits ist immer wieder bei dem Bemühen um die Würdigung der Rolle der ideellen Triebkräfte der Geschichte deren Verankerung im materiellen Sein ignoriert worden. Die Betonung der Rolle des Bewusstseins war mit geistigen Abstrichen, Einschränkungen oder Relativierungen seiner materiellen Bedingtheit verbunden. Die unbestreitbare Realität der Wirksamkeit bestimmter Ideen wurde als Argument gegen den Materialismus vorgetragen. Bzw. an die Rolle des Bewusstseins wurde appelliert, obwohl in den gesellschaftlichen Verhältnissen keinerlei Ansatzpunkte für seine Wirksamkeit gegeben war.
Betont sei, dass es sich bei diesen Tendenzen keinesfalls lediglich um theoretische Verirrungen oder mangelnde philosophische Bildung bei `Praktikern´ handelte. Es ging um die nicht hinreichende theoretische Verarbeitung von Problemen, die beim Beschreiten eines historisch neuen Weges, bei der Realisierung einer gesamtgesellschaftlichen sozialistischen Alternative zur Dynamik des Kapitals unvermeidlich auftreten mussten.
Erinnert sei daran, dass Lenin in seinen Arbeiten nach der Oktoberrevolution sich immer wieder mit den gleichen objektivistischen bzw. ökonomistischen oder subjektivistischen bzw. voluntaristischen Erscheinungen in der Politik bei der praktischen Gestaltung der neuen Gesellschaft auseinandergesetzt hat, wie sie später in der DDR und den anderen sozialistischen Ländern auftraten. Auch Lenins theoretische Arbeiten zur Dialektik von Spontaneität und Bewusstheit in der politischen Praxis der Arbeiterbewegung sind diesem Problem zuzuordnen und haben an Aktualität nicht eingebüßt.
Es handelt sich mithin um ein überaus komplexes, mit einer spezifischen historischen Praxis verbundenes Problem, dem gewiss nicht nur auf theoretische Weise beizukommen ist, das jedoch mannigfaltige theoretische Verflechtungen aufweist. Einer der philosophischen Aspekte könnte durch den ontologischen Ansatz von Lukács eine Aufhellung erfahren.
Fünftens. Zunächst unterstreicht Lukács, dass Marx eine materialistische Entwicklungsphilosophie entworfen habe. Das gesamte Sein, Natur und Gesellschaft, sei als ein Geschichtsprozess aufzufassen, Geschichtlichkeit sei die grundlegende Charakteristik eines jeden Seins. Irreversible, also unumkehrbare, geschichtliche Prozesse machten das Wesen eines jeden Seins aus. (Ebenda S.94; vgl. S.212) Also müsse die Eigenart dieser Geschichtlichkeit, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Entwicklung der drei wichtigen Seinsweisen - anorganische Natur, organische Natur, Gesellschaft - herausgearbeitet werden. Als die entscheidende Spezifik des gesellschaftlichen Seins - gegenüber dem natürlichen - erweist sich dabei die Rolle der Arbeit und damit des Bewusstseins.
Marx hatte im ersten Band des `Kapital´ bei der Charakterisierung der einfachen Momente des Arbeitsprozesses in seiner spezifisch menschlichen Form als wesentlich hervorgehoben, dass an seinem Ende ein Resultat herauskommt, welches beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also ideell vorhanden war. Der Arbeiter verwirklicht im Natürlichen seinen Zweck, der er weiß und der sein Tun bestimmt. (MEW. Bd. 23. Berlin 1962 S.193) Für Lukács bedeutet dies, dass in der Arbeit ein bewusster Akt, ein ideelles Moment, ontologisch der materiellen Verwirklichung, dem praktischen Vollzug der Arbeit, vorangeht. (Prolegomena. Zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins. 2. Halbband. In Verbindung mit dem Lukács-Archiv Budapest herausgegeben von Frank Benseler. Darmstadt und Neuwied 1986 S. 297) Die Arbeit gilt ihm jedoch nicht nur als das grundlegende Phänomen ökonomischer Praxis sondern als allgemeinstes Modell der Struktur und Dynamik von Praxis überhaupt. Lukács weiß natürlich, dass es sich bei dieser Gedankenfolge in mehrfacher Hinsicht um eine Abstraktion handelt. Vor allem entsteht natürlich auch das im Arbeitsprozess wirksame Bewusstein, der dem Prozess vorausgehende Zweck, aus bestimmten Gegebenheiten des gesellschaftlichen Seins, es widerspiegelt objektive Realität.
Sechstens. Entscheidend für unseren Zusammenhang ist, den Unterschied und Zusammenhang dieser beiden Gesichtspunkte bzw. Fragestellungen zu erkennen.
Einerseits geht in ontologischer Hinsicht Ideelles Materiellem voraus. Jedes gesellschaftliche Sein ist mit Bewusstseinsakten untrennbar verbunden. Bewusstsein ist "eine wichtige Bewegungskomponente einer bestimmten, besonderen Seinsweise", eben der gesellschaftlichen (Prolegomena I.Halbband. A.a.O. S.211) Grundlage einer neuen Seinsart sei die Arbeit gerade deshalb, weil sie über das "Gebanntsein der Lebewesen in die biologische Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt" hinausgeht. Der Mensch lässt seinen materiellen Bedürfnissen entsprechend in der Natur Kräfte, Beziehungen und Eigenschaften wirksam werden, die ohne sein Zutun nicht diese Wirkungen hätten entfalten können - die Natur bringt kein Wasserrad hervor, obwohl dessen Wesen und Funktion restlos auf Naturgesetze zurückführbar ist. In der Arbeit, im Freisetzen und Beherrschen dieser Kräfte bewirkt der Mensch eine Höherentwicklung seiner eigenen Fähigkeiten. Insofern markiert - so Lukács - das Bewusstsein das wesentlich trennende Moment zwischen der menschlichen Arbeit und den biologischen Reaktionsformen tierischer Lebewesen. Marx habe also die Bedeutung des Bewusstseins dem materiellen Sein gegenüber keinesfalls unterschätzt. "Es scheint vielleicht auffallend, dass gerade bei der materialistischen Abgrenzung des Seins der organischen Natur vom gesellschaftlichen Sein dem Bewusstsein eine derart ausschlaggebende Rolle zugeschrieben wird. Man darf aber dabei nicht vergessen, dass die hier auftauchenden Problemkomplexe (ihr höchster Typ ist der von Freiheit und Notwendigkeit) nur bei einer aktiven Rolle des Bewusstseins -gerade ontologisch - einen wahrhaften Sinn erhalten können . Wo das Bewusstsein keine wirksame Seinsmacht geworden ist, kann dieser Gegensatz überhaupt nicht auftreten. Dagegen muss überall, wo dem Bewusstsein objektiv eine derartige Rolle zukommt, die Lösung mit Gegensätzen beladen sein." (Revolutionäres Denken. Herausgegeben von Frank Benseler. Darmstadt und Neuwied 1984, S.269)) Und dieser ontologisch gefassten Rolle des Bewusstseins im gesellschaftlichen Sein ist die erkenntnistheoretische Bestimmung des Bewusstsein als sekundär belanglos.
Andererseits kommt der erkenntnistheoretischen Fragestellung entscheidende Bedeutung zu, wenn es um den Charakter des Bewusstseins, seine Herkunft geht. Der Inhalt, der ideelle Gehalt, die weltanschauliche Position einer Ideologie sind nicht zu erklären, wenn ihr Ursprung aus den materiellen gesellschaftlichen Verhältnissen, ihre Bindung an konkrete soziale Interessen ausgeblendet bleiben. In dieser Hinsicht sind die materialistische Beantwortung der Grundfrage der Philosophie, die Anerkennung des Primats des Seins gegenüber dem Bewusstsein und die Klärung seiner Beschaffenheit als Widerspiegelung des gesellschaftlichen Seins wissenschaftlich unverzichtbar.
Die Leistung von Lukács sehe ich darin, der Rolle des Bewusstseins in Geschichte und Gesellschaft gerecht zu werden, ohne den Materialismus aufzugeben. Er macht Ernst mit der Überlegung Lenins, dass "der Gegensatz zwischen Materie und Bewusstsein nur innerhalb sehr beschränkter Grenzen von absoluter Bedeutung" ist, nämlich "in den Grenzen der erkenntnistheoretischen Grundfrage, was als primär und was als sekundär anzusehen ist. Außerhalb dieser Grenzen ist die Relativität dieser Entgegensetzung unbestreitbar." (W. I. Lenin, Werke, Bd.14, Berlin 1962, S.143)
Es handelt sich also um die abstrahierende Unterscheidung zweier miteinander zusammenhängender Fragestellungen. Das Primat des Seins gegenüber dem Bewusstsein ist entscheidend für die Aufhellung der erkenntnistheoretischen Frage nach dem sozialökonomischen Ursprung, dem geistigen Gehalt, der historischen und sozialen Funktion gegebener ideeller Gebilde. Ideen spielen ihrerseits eine primäre Rolle bei der `Bewegung einer bestimmten Seinsweise´, im Prozess der gesellschaftlichen Praxis, als Vehikel geschichtlicher Aktionen und Veränderungen. Soweit die Antwort auf die ontologische Frage nach der Spezifik des gesellschaftlichen Seins. Keiner dieser beiden Gesichtspunkte darf durch den anderen ersetzt werden. Die methodische Produktivität dieses Ansatzes für Wissenschaft und Politik setzt freilich die Berücksichtigung einer Vielzahl von Vermittlungen zwischen philosophischer Theorie und alltäglicher Praxis voraus. Das aber ist ein neues Thema.


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