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Ausgrenzung, Ausbeutung
und die Wiederkehr der Proletarität Entsteht in der
Bundesrepublik eine "neue Unterklasse"?
Thomas Lühr
Die sozialen Ungleichheiten sind allgegenwärtig
und das Gefühl von Unsicherheit realitätsprägend
geworden (vgl. Castel 2005). So kommt es auch in den
Sozialwissenschaften (nach einer Phase der Abwendung von den
sozialen Strukturierungsfragen) zu verstärktem Interesse an
diesem Thema. Worte wie "Ausgrenzung" und "Exklusion"
prägen diese Debatte. Der neue Realitätssinn wird jedoch
gleichzeitig an die Behauptung gekoppelt, dass die Ungleichheiten
nicht mehr aus den alten Klassenwidersprüchen zu erklären
seien. Eher paradox scheint somit die Entstehung einer neuen
"Klasse" zu sein, die ebenfalls den aktuellen Diskurs um
die soziale Ungleichheit kennzeichnet: die Unterklasse (Koch 1999:
35).
Da es - entgegen der vorherrschenden Meinung -
plausible Gründe für die Annahme gibt, dass die sozialen
Ungleichheiten nicht ohne den Klassenwiderspruch von Kapital und
Arbeit erklärt werden können, sie funktional darauf
bezogen sind, soll die Unterklasse-Diskussion mit
Fragegestellungen konfrontiert werden, die vom Projekt
Klassenanalyse@BRD im Rahmen der Marx-Engels-Stiftung formuliert
wurden (vgl. Lieberam/Münchow/Seppmann 2003). Das
Konzept der "underclass" Die "Unterklasse"
ist ein Konzept sozialer Ausgrenzung bzw. Spaltung. William J.
Wilsons Studie The Truly Disadvantaged von 1987 eröffnete
die Debatte, die von diesem Begriff geprägt ist. [1]
Das wissenschaftliche Interesse entwickelte sich
angesichts objektiver Problemkonstellationen: Als es in den 70er
und 80er Jahren in einigen Städten im Nordosten und mittleren
Westen der USA zu einem Rückgang der Arbeitsplätze für
an- und ungelernte Arbeitskräfte in der Industrie kam, war
dies verbunden mit einem Anstieg der Minderheitenpopulation in
diesen Städten. So waren es vor allem junge Schwarze, die von
der Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage auf dem
Niedrigqualifikationssektor des Arbeitsmarktes betroffen waren.
Wilson stellte in diesem Zusammenhang eine Ausbreitung und vor
allem räumliche Konzentration von Armut in bestimmten
Stadtvierteln fest sowie eine soziale Verdichtung der Armut, die
das Problem zuspitzte (vgl. Kronauer 1998: 23). Das Besondere
an seiner Arbeit ist, dass er, im Gegensatz zu konservativen
Theoretikern [2] den
ökonomisch-strukturellen Wandel des Übergangs von einer
Güter produzierenden Industrie zu einer Dienstleistungs- und
Informationsindustrie, die u.a. höher qualifizierte
Arbeitskräfte erfordert, als Ursache für die Entstehung
einer "underclass" ausmacht (vgl. Gebhardt 1995: 53ff).
Neben der Abwanderung produzierenden Gewerbes aus den Innenstädten
habe außerdem die Abwanderung der wohlhabenden Schwarzen aus
den Ghettos - ermöglicht durch die Aufhebung der
Mobilitätsbarrieren im Rahmen der Gleichstellungspolitik in
den 60er Jahren - zu einer räumlichen Konzentration der armen
Schwarzen und damit zu einer Ausdifferenzierung der
Klassenstruktur unter der afro-amerikanischen Bevölkerung
geführt. Die Entstehung und Migration einer schwarzen
Mittelklasse und damit der Verlust von wichtigen Institutionen des
sozialen Lebens habe zu einer Verschärfung der sozialen
Isolation geführt, womit die Ghettos zu einem "Ort der
underclass" geworden seien (vgl. Bremer/Gestring 1997: 57f).
Dass Wilson hierbei den Faktor der rassistischen Diskriminierung
weitesgehend ausblendet und die soziale Isolation einzig aus dem
Abzug der Mittelklasse erklärt, wurde vielfach kritisiert und
seine These teilweise widerlegt bzw. relativiert (vgl.
Bremer/Gestring 1997: 59f, Gebhardt 1995: 53f). Während
bei Wilson die Verbindung von ökonomischer Marginalität
und sozialer Isolation die Kriterien einer "underclass"
sind, haben in den 90er Jahren Devine und Wright sein Konzept
weiterentwickelt. Ihnen zufolge gibt es vier Dimensionen der
"underclass": eine ökonomische, eine
sozialpsychologische, eine Verhaltens- und eine räumliche
bzw. ökologische Dimension. Alle vier Dimensionen müssten
gleichzeitig auftreten, um von einer "underclass" reden
zu können (vgl. Devine/Wright 1993: 88f). Merkmale für
eine Unterklasse in der BRD Zwar ist die europäische
Diskussion eher mit dem Begriff der sozialen Ausgrenzung bzw.
Exklusion (vgl. Kronauer 2002) verbunden, doch sie beschäftigt
sich im Grunde genommen mit denselben Phänomen wie das
Konzept der "underclass": Beide begreifen die Umbrüche
in der Erwerbsarbeit und ihre Folgen als Kern eines neuen
Ausgrenzungsproblems [3].
Bremer und Gestring diskutieren vier Kriterien, die eine
Unterklasse von anderen sozialen Schichten klar trennen sollen
(vgl. im Folgenden Bremer/Gestring 1997: 63-65): Ausgrenzung
vom Arbeitsmarkt: Dauerhafte Ausgrenzung vom Arbeitsmarkt
führt zu Armut und Abhängigkeit von Sozialtransfers und
folglich zum Verlust der Möglichkeit, sich selbst, und
abhängige Haushaltsmitglieder zu versorgen. Räumliche
Ausgrenzung durch Segregation: Deregulierung des
Wohnungsmarktes schlägt auf die Wohnsituation der vom
Arbeitsmarkt Ausgegrenzten durch und führt langfristig zu
einer räumlichen Separierung, die eine neue Qualität
sozialer Isolation ausmacht. Kumulation von
Benachteiligungen: Durch die räumliche Isolation kommt es
zu einer Unterversorgung vor allem im Bereich der sozialen
Infrastruktur (z.B. Bildungseinrichtungen), in Folge dessen
verschlechtert sich die Chance auf eine Wiedereingliederung, bzw.
mangels verwertbarer Qualifikationen, bei Jugendlichen überhaupt
auf einen Zugang zum Arbeitsmarkt. Individuelle
Reproduktion der Ausgrenzung: Durch wiederholte negative
Erfahrungen kommt es bei den "Entmutigten" zu einer
Akzeptanz der gesellschaftlichen Randständigkeit, zu
Hoffnungslosigkeit und Resignation. Dies kann bis hin zu einer
Ablehnung von Normen und Werten des Mainstreams und abweichendem
Verhalten (z.B. Kriminalität) führen. Treten alle
diese Kriterien gemeinsam auf, kann von einer neuen
Dimension sozialer Spaltung, von einer Unterklasse gesprochen
werden. MigrantInnen und Langzeiterwerbslose: Gesichter
einer "neuen Unterklasse"? Bremer und Gestring
vermuten, dass in Deutschland vor allem die ausländische
Wohnbevölkerung die Herausbildung einer Unterklasse zeigen
müsste und untersuchen ihre These anhand ihrer definierten
Kriterien am Beispiel der sog. "Gastarbeiter" und ihrer
Nachfolgegenerationen, unter Bezugnahme verschiedener empirischer
Studien (vgl. ebd.: 65-73). Im Ergebnis können sie die
meisten Kriterien als erfüllt betrachten (vgl. aktuell: BMGS
2005: 157ff) jedoch nicht in einem zentralen Punkt: Zwar führt
die Lebenssituation in Armenvierteln im Allgemeinen zu einer die
Ausgrenzung reproduzierenden Kultur, dies trifft jedoch nicht auf
den ausländischen Bevölkerungsteil in diesen Stadtteilen
zu. Im Gegenteil, während die deutschen BewohnerInnen eher
als sozial isoliert beschrieben werden können, erhalten sich
MigrantInnen ihre sozialen Netzwerke - wenn auch meist auf die
eigene Herkunftsgruppe beschränkt -, die in diesen Vierteln
ein stabilisierendes Moment darstellen (Bremer/Gestring 1997:
71f). Auch Langzeiterwerbslose gelten als eine ausgegrenzte
Gruppe, die sich zu einer Unterklasse entwickeln könnte (vgl.
z.B. Kronauer 1997: 31). Berthold Vogel hat auf Grundlage
qualitativer Interviews diese Gruppe von "Überzähligen"
und "Überflüssigen" untersucht (vgl. Vogel
2004). Wenn sie auch keine homogene Gruppe bilden (vgl. ebd.: 13),
lassen sich jedoch Untergruppen unterscheiden, die Merkmale von
Unterklasse-Kriterien aufweisen (vgl. im Folgenden ebd.: 13-16):
ArbeiterInnen, die in Folge des gesamtwirtschaftlichen
Strukturwandels erwerbslos geworden sind: Sie verfügen
meist über spezielle Qualifikationen, die nicht mehr
nachgefragt werden. Da sie ihren Arbeitsplatz stets als
Mittelpunkt ihres Lebens wahrgenommen haben, gehen ihnen mit ihrer
Erwerbslosigkeit zentrale Halte- und Orientierungspunkte verloren,
was zu sozialer Isolierung führt. Ihre eigene Lage empfinden
sie als perspektivlos. Sie fühlen sich ausgegrenzt und
resignieren. Deklassierte FacharbeiterInnen und Angestellte
aus unterschiedlichen Branchen: In ihren "besten Jahren"
erwerbslos geworden, haben sie seither eine Abwärtsspirale
fortlaufender Deklassierung (Kurzfristjobs, Leiharbeit,
Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen) hinter sich gebracht. Unter
ihrer unstetigen Erwerbsbiografie haben ihre sozialen Kontakte
gelitten, so dass auch hier soziale Isolation die Folge ist. Aus
ihrer Hoffnungslosigkeit und Verzweifelung entwickeln sich
Ressentiments gegenüber anderen Erwerbslosen (vgl. dazu auch
Castel 2005: 67-74). Erwerbslose, die stets
GrenzgängerInnen zwischen Erwerbsarbeit und Erwerbslosigkeit
waren: Diese Gruppe unterscheidet sich vor allem dadurch von
den anderen, dass sie nie die Erfahrung einer stabilen
Beschäftigung gemacht hat. Gerade deswegen haben sie gelernt,
sich mit ihrer Situation zu arrangieren und sind auch nicht von
sozialer Isolation betroffen. Sie haben weder resigniert, noch
schämen sie sich für ihre Randständigkeit.
Jugendliche, die niemals einen Zugang zum Arbeitsmarkt
gefunden haben: Sie sind die zentrale Zielgruppe der "aktiven"
Arbeitsmarktpolitik. Diese wird von ihnen zwiespältig
wahrgenommen: als sinnloser Zeitvertreib und Disziplinierung
einerseits, aber andererseits auch als Brücke in die
Erwerbsarbeit. Zwar empfinden sie ihre Situation auf Grund ihres
geringen Alters nicht als komplett aussichtslos, doch schätzen
sie ihre Chancen auf eine wirkliche Etablierung im Erwerbssystem
sehr pessimistisch ein. Obwohl teilweise noch sozial eingebunden
(z.B. in familiäre Netzwerke), fühlen sie sich gegenüber
ihren Altersgenossen unterlegen und "sozial abgehängt".
Auch wenn diese Befunde keine Aussagen über wichtige
Kriterien einer Unterklasse (Kulmination von Benachteiligungen und
vor allem die Wohnsituation) zulassen, so kann sie belegen, dass
auch in Deutschland Ausgrenzung am Arbeitsmarkt oftmals - wenn
auch nicht zwingend bei allen Betroffenengruppen - soziale
Isolation erzeugt. Mit dem Vorhandensein des Gefühls der
Resignation und der Akzeptanz der Randständigkeit sind auch
Ansätze der individuellen Reproduktion der Ausgrenzung
vorhanden, die zumindest langfristig "das normative Fundament
der bürgerlichen Gesellschaft" beschädigen können,
denn die verinnerlichten Disziplinierungsmuster verlieren durch
die Arbeitslosigkeit einen Teil ihrer Prägekraft (vgl.
Seppmann 2003: 27f). Gerade durch den Widerspruch der Anerkennung
von Leistungs- und Arbeitsorientierung auf der einen und der
Unmöglichkeit ihrer Realisierung auf der anderen Seite, kommt
es zu einer "zunehmenden Gleichgültigkeit gegenüber
den herrschenden Wertpräferenzen" (ebd.). Langfristig
sei die Herausbildung einer Unterklasse aus Unqualifizierten,
älteren Arbeitslosen, Dauerarbeitslosen und ausgegrenzten
MigrantInnen nicht ausgeschlossen (Bremer/Gestring 1997: 73f).
Allerdings sind die konkreten Formen und die Bedeutung der
Ausgrenzungsdimensionen von Land zu Land doch stark verschiedenen
(Kronauer 1997: 43). Von daher ist zumindest momentan davon
abzusehen in der BRD so etwas wie eine Unterklasse als Äquivalent
zur US-"underclass" auszumachen. [4]
Lumpenproletariat reloaded? In der
Diskussion um die Entstehung einer Unterklasse in der BRD wird oft
auf das Konzept des Lumpenproletariats bei Marx und Engels
hingewiesen, sowohl um Analogien zu benennen, als auch um
Unterschiede zu betonen (vgl. z.B. Herkommer 1996: 79, Diettrich
1999: 148f, Koch 1999: 45, Lieberam/Münchow/Seppmann 2003:
66). Besonders die Tendenz zur Anomie, die sich aus der
sozialen Randständigkeit des Lumpenproletariats ergibt (vgl.
MEW 23: 673, MEW 7: 28) scheint eine Parallele zur Unterklasse zu
sein. Die populärste Beschreibung des Lumpenproletariats
ist sicherlich die im Kommunistischen Manifest: Das
Lumpenproletariat, diese passive Verfaulung der untersten
Schichten der alten Gesellschaft, wird durch eine proletarische
Revolution stellenweise in die Bewegung hineingeschleudert, seiner
ganzen Lebensweise nach wird es bereitwilliger sein, sich zu
reaktionären Umtrieben erkaufen zu lassen (MEW 4: 472).
Sebastian Herkommer (1996: 84) betont in seinem Aufsatz, dass
die Unterklasse schon allein deswegen nicht mit dem
Lumpenproletariat verglichen werden kann, weil Letzteres das
Produkt einer vergangen Gesellschaft (Feudalismus) war, wohingegen
die neuen "Überzähligen", wie wir gesehen
haben, Produkt des Strukturwandels der aktuellen kapitalistischen
Klassengesellschaft sind (vgl. ebenfalls Cowling 2003: 134). Somit
handelt es sich bei dem Lumpenproletariat um freigesetzte
Kleinbürger, während sich die Unterklasse aus vom
Produktionsprozess ausgeschlossenen ArbeiterInnen rekrutiert. Wir
haben es also mit einem völlig anderen Phänomen zu tun.
Ein weiterer Punkt, in dem sich das Lumpenproletariat von der
Unterklasse zu unterscheiden scheint, ist ihre Stellung zur
Arbeiterklasse. Während gemeinhin davon ausgegangen wird,
dass die "Lumpen" nicht zur Arbeiterklasse gehören
(vgl. Lieberam/Münchow/Seppmann 2003: 64, Krätke 1994:
449), lässt sich dieses zumindest für die Unterklasse so
einfach nicht behaupten. So merkt Kronauer (1997: 39) an, dass
auch prekär Beschäftigte - wenn weitere Dimensionen der
Ausgrenzung dazukommen - zu den Ausgegrenzten gehören können.
Seppmann (2005b: 792) stellt klar, dass sie, ob ausgegrenzt oder
"nur" marginalisiert, dennoch eine "Reservearmee"
bilden und bezüglich ihrer objektiven Stellung zu den
Produktionsmitteln der Arbeiterklasse zuzurechnen sind. [5]
Somit scheint mir ein Vergleich mit dem, was bei
Marx der < i>Pauperismus, "der tiefste Niederschlag der
relativen Überbevölkerung" genannt wird (MEW 23:
673f), treffender zu sein. Er unterscheidet neben ausgeschlossenen
Arbeitsfähigen bzw. -willigen und armen bzw. verwaisten
Kindern eine dritte Gruppe, die er allesamt zum "Invalidenhaus
der aktiven Arbeiterarmee" zählt: Es sind namentlich
Individuen, die an ihrer durch die Teilung der Arbeit verursachten
Unbeweglichkeit untergehen, solche, die über das Normalalter
eines Arbeiters hinausleben, endlich die Opfer der Industrie,
deren Zahl mit gefährlicher Maschinerie, Bergwerksbau,
chemischen Fabriken etc. wächst ... (ebd.). So gesehen,
könnte es sich bei den Ausgegrenzten einer neuen Unterklasse
viel mehr um das "tote Gewicht der industriellen
Reservearmee" (ebd.) des entwickelten Kapitalismus unserer
Zeit handeln. Robert Castels Beschreibung der "Überzähligen"
klingt wie ein zeitgemäßes "update" der
Beschreibung von Marx: ... sie sind nicht an den Stromkreis
des produktiven Austauschs angeschlossen, sie haben den Zug der
Modernisierung verpaßt und bleiben mit ganz wenig Gepäck
am Bahnsteig zurück (Castel 2000: 359). Gebrauchswert
für die marxistische Klassenanalyse Eine weitere
Gemeinsamkeit der beiden Konstrukte "Unterklasse" und
"Lumpenproletariat" ist ihre empirische Schwäche
und theoretische Uneindeutlichkeit (vgl. zur Unterklasse:
Klein/Landhäußer/Ziegler 2005: 52ff, Young 2005,
Konietzka/Sopp 2004, Koch 1999: 40). Besonders detaillierte
Beschreibungen des Lumpenproletariats bei Marx, etwa im 18.
Brumaire (vgl. MEW 8: 161f) legen die Vermutung nahe es handle
sich hierbei mehr um einen "nebulösen Sozialcharakter"
als um ein seriöses Element einer Klassenanalyse. Es gibt
daher gute Gründe diesen Begriff nicht mehr zu verwenden
(vgl. Getzschmann 2002: 74, Cowling 2003: 135f). Ferner
spreche gegen die Verwendung des Begriffs, dass er lediglich dazu
diene Teile des Proletariats auszuschließen und zu
denunzieren, die darin versagt haben sich revolutionär
aufzuführen, z.B. die Teile des Proletariats, die Bonaparte
unterstützen, wie im 18. Brumaire beschrieben (Cowling
2003: 133ff, vgl. dazu ebenfalls Getzschmann 2002). Äußerungen
von Engels untermauern die politische Funktion [6]
des Begriffs: Jeder Arbeiterführer, der die
Lumpen als Garde verwendet oder sich auf sie stützt, beweißt
sich schon dadurch als Verräter an der Bewegung (MEW 7: 536).
[7] Auch
hier gibt es eine Parallele zur Unterklasse: Nicht nur in den USA
ist der "underclass"-Begriff oftmals von Konservativen
dazu benutzt worden, die Betoffenen zu stigmatisieren und
reaktionäre Maßnamen in der Sozialpolitik durchzusetzen
[8] (vgl.
Gebhardt 1995: 50-52, Cowling 2003: 137-144, Bremer/Gestring 1997:
56f). Folgerichtig hält Cowling (2003: 144) beide Konzepte
als Bestandteile der Klassenanalyse für ungeeignet.
Herkommer (1996: 84) betont ausdrücklich, dass die
Unterklasse bzw. die "underclass" keinesfalls eine
Klasse im klassischen marxistischen (und weberschen) Sinne
ist, da sie "weder unmittelbar durch das Kapitalverhältnis
als ‚abstrakte Klasse' zu bestimmen" ist, "noch
ist sie eine ‚soziale Klasse' nach den Kriterien
gemeinsamer objektiver Merkmale und einer gemeinsamer typischen
Art der Lebensführung bzw. Mentalität". Gleiches
kann wohl auch über die "Lumpen" gesagt werden.
Das alles soll aber nicht heißen, dass die mit dem
Konzept der Unterklasse oder Exklusion beschriebenen Phänomene
keine Relevanz für MarxistInnen hätten. Die Zunahme der
prekären Beschäftigung einerseits und der
(Dauer-)Arbeitslosigkeit andererseits sowie die Verschärfung,
"Verräumlichung" und "Verzeitlichung" der
Armut, etc. resultieren aus der derzeitigen Defensive der
Arbeiterklasse und verstärken diese gleichfalls. Die durchaus
vorhandene neue Qualität der sozialen Spaltung und
Ausgrenzung stellt immense Herausforderungen an die marxistische
Klassenanalyse. So liegt gerade die Schwäche der
Unterklassen- und Exklusions-Diskussion darin die realen
Spaltungsprozesse zwar beschreiben, aber nicht wirklich
ihre gesellschaftlichen Ursachen und soziale Funktionalität
erklären zu können. Wenn auch der Selbstanspruch
besteht sich nicht auf die Betroffenen, sondern auf Akteure und
Institutionen der Ausgrenzung zu beziehen (vgl. Kronauer 2002),
bleiben die realen sozialen Kräfte, die auf die Spaltung der
Arbeiterklasse orientiert sind oftmals genauso unerwähnt, wie
das Verhältnis von Ausgrenzung und Ausbeutung oder die
Perspektiven von Gegenwehr. Durch die vorherrschende Tabuisierung
konkreter Herrschaftsverhältnisse tragen diese Ansätze
somit - wenn auch oft unfreiwillig - "zur sinnlosen
Verlängerung sozialer Herrschaft" bei
(Bittlingmayer/Bauer/Ziegler 2005: 25, vgl. ebenfalls
Klein/Landhäußer/Ziegler 2005). Der
Klassencharakter der Spaltungsprozesse Robert Castel
beginnt in seinem Buch das Kapitel Die Überflüssigen
mit der These, dass die Arbeitslosigkeit nur ein - wenn auch sehr
sichtbarer - Aspekt eines "grundlegenden Wandels der
Beschäftigungssituation" sei. Ein viel bedeutenderer
Aspekt dieses Wandels sei jedoch die "Prekarisierung der
Arbeit" (Castel 2000: 349). Er begründet dies wie folgt:
Wenn man aber den Akzent auf die Prekarisierung der Arbeit
legt, dann werden die Prozesse besser verständlich, welche
der sozialen Verwundbarkeit Nahrung geben und am Ende
Arbeitslosigkeit und Abkoppelung bewirken (ebd.: 350, Hervorhebung
im Original). Es ist allgemein anerkannter Diskussionsstand,
dass die aktuellen sozialen Spaltungs- und Ausgrenzungsprozesse
eine neue Qualität erreicht haben und die Klassenunterschiede
überlagern (vgl. z.B. Dörre 2003). So werden die
"Überflüssigen" als eine "transversale
Kategorie" beschrieben, die aus allen Schichten und Berufen
kommen, deren Gemeinsamkeit lediglich darin besteht von
Sozialtransfers des Staates abhängig zu sein (vgl. Bude
1998). Kronauer behauptet gar, dass diese neuen Spaltungen,
neuartige Arbeitslosigkeit und Armut nicht durch das "Projekt
der Emanzipation der Arbeiter" gelöst werden könne.
Stattdessen "betrifft es unmittelbar die Gesellschaft als
ganze" (Kronauer 2002: 16). Werner Seppmann (2005a: 26)
hingegen erkennt die Überlagerung der Klassenunterschiede
durch die neuen Spaltungen zwar an, sieht darin jedoch eher eine
Vertiefung des "Zentralkonfliktes" zwischen Kapital und
Arbeit. Denn die "Produktion der Überflüssigen"
ist der vermittelte Ausdruck des Reproduktionsprozesses des
Kapitalverhältnisses. Die Ausgrenzung wird durch die
kapitalistische Ausbeutungsdynamik erzeugt (ebd.). Von dieser
Perspektive aus ist erst zu verstehen, wie aktuell das "Projekt
der Emanzipation der Arbeiter" wirklich ist, das natürlich
schon immer die ganze Gesellschaft betraf. So kommt es im
Rahmen des Wandels der Produktions- und Informationstechnologie zu
neuen Konzepten in der Unternehmensführung und
Personalrekrutierung. Durch Flexibilisierung interner
(Belegschaft) und externer (Auslagerung/Zulieferer) Art werden
Selektions- und Ausgrenzungsprozesse unter den jeweiligen
Beschäftigten gefördert. Im Ringen um die
Wettbewerbsfähigkeit und als Strategien zur Steigerung der
Kapitalprofitabilität werden die am wenigsten angepassten
Beschäftigten dequalifiziert. Insbesondere ältere,
gesundheitlich angeschlagene und gering qualifizierte Beschäftige
geraten unter den Druck einer "permanenten Selektion".
Dennoch sind die in der Arbeitswelt "Überflüssigen"
für das Kapital nicht vollständig nutzlos: Ihre Existenz
gereicht zur Einschüchterung und Disziplinierung der (noch)
Beschäftigten (vgl. Seppmann 2005a: 17f), [9]
sie "ermahnt die Arbeitenden, daß es ihnen
auch schlechter gehen könnte ..." (Seppmann 2005b: 792).
Das Kapital benötigt also alle drei Segmente (Hoch- und
Niedrigqualifizierte, aber auch die Ausgegrenzten) um die
Intensivierung der Ausbeutung vorantreiben zu können
(Seppmann 2005a: 28, vgl. auch Castel 2000: 355, Konietzka/Sopp
2004: 39f). So ist erst zu verstehen, dass "Arbeitslosigkeit
und das Prekärwerden der Beschäftigung in der
gegenwärtigen Modernisierungsdynamik fest verankert sind. Sie
sind die zwangsläufigen Konsequenzen aus der neuartigen
Strukturierung der Beschäftigten, der Schatten, den der
industrielle Umbau und der Kampf um Wettbewerbsfähigkeit auf
sehr viele Menschen wirft" (Castel 2000: 350). Spaltung
der Arbeiterklasse - neue Proletarität Durch die
kapitalistische Präformierung der Produktivkraftentwicklung
hat sich die Arbeiterklasse stärker segmentiert - in
besser qualifizierte, bezahlte, jedoch tendenziell weniger
werdende abgesicherte Beschäftigte im "primären
Arbeitsmarkt" und prekäre, weniger qualifizierte und
direkt den Beschäftigungsschwankungen ausgesetzte,
tendenziell mehr werdende Beschäftigte im "sekundären"
Arbeitsmarkt (Castel 2000: 355, Seppmann 2005a: 21f) - und
fragmentarisiert - in Arbeitslose, Prekäre, arbeitende
Arme und ganz und gar "Überflüssige" (Seppmann
2005a: 27). Diese Segmentierung und Fragmentarisierung,
insbesondere die Dualität von Prekären und Integrierten
dient einer selektiveren Ausbeutung der Arbeitskraft. Werner
Seppmann (2005a: 21f) erklärt, dass die integrierten
Kernbelegschaften einen Stabilisierungsfaktor darstellen. Durch
sie werden in den qualifizierten Produktionsbereichen
Kreativitätspotenziale ausgeschöpft und somit die
Ausbeutung effektiver gestaltet. Das Management ist daher auch
bereit, ihnen Zugeständnisse zu machen. Nur in diesen
Segmenten der industriellen Produktion ist "das Paradigma des
‚Fordismus' in Frage gestellt, werden Maschinisierung und
Fließbandproduktion durch neue Produktionskonzepte abgelöst"
(ebd.: 21). Diese "postfordistischen Inseln"
schienen bis vor kurzem noch die Stabilität der
Beschäftigungsverhältnisse zu garantieren. Das hat sich
im Zuge der neoliberalistischen Umgestaltungsstrategien jedoch
schlagartig verändert - auch wenn auf Grund der noch
vorhandenen Restbestände gewerkschaftlicher Verhandlungsmacht
der Arbeitsplatzabbau "sozialverträglich" gestaltet
wird. Ob das noch lange der Fall sein wird, ist fraglich. Anders
sieht es in den unteren Etagen des hierarchisch gegliederten
Industriesystems, also auf den Ebenen der Zulieferer aus. Deren
Beschäftigte sind in der Regel unmittelbar den
Marktschwankungen ausgesetzt: Sie werden "geheuert und
gefeuert, wie es die Auftragslage gerade erfordert" (ebd.:
22). Karl Heinz Roth (1994) hat diese Entwicklung schon vor gut
einem Jahrzehnt beschrieben. Seiner Prognose wurde nachdrücklich
widersprochen, jedoch ist sie durch die reale Entwicklung
bestätigt worden: Ein neues Proletariat ist im Entstehen,
dem die kollektiv geregelten Normalarbeitsverhältnisse und
die sozialstaatlichen Vermögenssurrogate für die
Wechselfälle des Daseins zunehmend fremd werden. Es wird über
den aktuellen Krisenzyklus hinaus langfristig durch die Erfahrung
von Erwerbslosigkeit, von prekären
Beschäftigungsverhältnissen, von ‚zweiten' und
‚dritten' Arbeitsmärkten und von abrupt eintretenden
Armutsphasen geprägt sein (Roth 1994: 41). Seppmann
betont die Bedeutung dieser neuen Proletarität bei der
voranschreitenden Klassenfragmentierung: Die Klassenlandschaft
erhält zusätzliche Polarisierungsmomente innerhalb ihrer
Basisbereiche: Die Arbeitskräfte werden unterschiedlichen
Segmenten der Arbeitswelt mit unterschiedlichen Rechts- und
Entlohnungsformen, unterschiedlichen Standarts der sozialen
Absicherung und Perspektiven der Beschäftigungsrealität
zugeordnet (Seppmann 2005a: 22). Dieser Prekarisierungsprozess
wirkt jedoch auch auf die Zentren des Industriebereichs zurück
und durchzieht stabilisierte Beschäftigungszonen (Castel
2000: 357, Seppmann 2005a: 24). Dies geschieht nicht nur durch die
bloße Präsenz prekärer Beschäftigter, die in
Betrieb und Gesellschaft eine Verallgemeinerung des Gefühls
der sozialen Unsicherheit bewirkt (Dörre/Fuchs 2005: 30).
Durch die Erfüllung dieser Disziplinierungsfunktion wächst
der Druck auf die Normalbeschäftigten auch ganz real. Es
kommt zu immer mehr Zugeständnissen: Sozialgesetzliche
Errungenschaften und tarifvertragliche Vereinbarungen werden immer
mehr in Frage gestellt (Seppmann 2005a: 24). Die
einschneidenden Veränderung der Klassenstrukturierung -
Segmentierungs- und Fragmentarisierungsprozesse - stellen die
Klassenanalyse vor neue Aufgaben: 1. Die Strukturen
sozialer Ungleichheit müssen bei dem Vorhaben einer
aktuellen Klassenanalyse, wie sie das Projekt der
Marx-Engels-Stiftung anstrebt (vgl. Lieberam 2006), mit der
Klassenspaltung in Verbindung gesetzt werden (Herkommer 2005:
61). Dazu gehört auch die Ausarbeitung einer "differenzierten
Klassentheorie" (vgl. ebd.: 69), um die eigenständige
Dimension horizontaler Polarisierung und den
"Verstärkereffekt" askriptiver Merkmale
(ebd.: 64) zu erfassen. 2. Schließlich muss es vor allem
darum gehen "trotz der realen Spaltungstendenzen das
Verbindende zwischen den Klassensegmenten heraus(zu)arbeiten und
die Möglichkeiten von organisatorischen Modellen (zu)
erörtern, die eine Bewusstwerdung und Artikulation von
Klasseninteressen fördern" (Seppmann 2004: 53). Aus
den soziostrukturellen Veränderungen ergeben sich weitgehende
Konsequenzen für eine klassenpolitisch orientierte Praxis.
Dies wäre jedoch ein neues Thema.
1 Entwickelt wurde der Begriff "underclass"
allerdings bereits in den 60er Jahren von Gunnar Myrdal.
2
So machen bspw. Oscar Lewis oder Charles Murray u.a. die
Sozialpolitik oder - auf Grundlage der Rational-Choice-Theorie -
das Verhalten der Armen ("Kultur der Armut") selbst für
die "underclass"-Armut verantwortlich. Auch vor
biologischen (rassistischen) Argumenten wird dabei nicht
zurückgeschreckt (vgl. dazu Gebhardt 1995: 50-52,
Bremer/Gestring 1997: 56f).
3 Einen guten Überblick
über die verschiedenen Deutungen sozialer Exklusion und eine
Kritik des Ansatzes aus klassentheoretischer Perspektive bietet
Young 2005.
4 Es gibt eine ganze Menge Unterschiede
zwischen der Ausgrenzung in den USA und in der BRD, die gegen eine
Übernahme des "underclass"-Begriffs sprechen und
auf die hier leider nicht näher eingegangen werden kann.
Wichtige Faktoren dabei sind die Qualität der Armut und der
räumlichen Segregation, der Charakter des Rassismus und das
Verhältnis von Arbeitslosigkeit und prekärer
Beschäftigung. Einen guten Überblick gibt z.B. Herkommer
2005.
5 Auffassungen, wie die von Ben Diettrich (1999:
208), der u.a. aus den Erwerbslosen eine eigenständige Klasse
macht, sind deshalb mindestens in Frage zu stellen (vgl. Seppmann
2004: 47, Fußnote 38).
6 So wurden bspw. Mitglieder
einiger "K-Gruppen" in den 70ern, von ihren Genossen als
"lumpenproletarisiert" ausgeschlossen, wenn sie
plötzlich erwerbslos waren (vgl. Getzschmann 2002: 74).
7
Dass, das Lumpenproletariat dazu tendiere sich reaktionär zu
verhalten und Bündnisse mit der politischen Rechten eingehe,
muss aus heutiger Sicht zumindest relativiert werden. So hat sich
u.a. die durchaus revolutionäre - wenn auch nicht völlig
widerspruchsfreie - Bewegung der Black Panthers in den USA zu
einem großen Teil aus den Reihen des sog. Lumpenproletariats
rekrutiert (vgl. Cowling 2003: 137).
8 Zur
Veranschaulichung so einer kulturalistisch argumentierenden
Klassentheorie als Begleitung der jüngsten Arbeitsmarkt- und
Sozialreformen in der BRD siehe Nolte 2004, dazu kritisch: Kessl
2005.
9 Dabei spielen insbesondere die Konzepte der Ich-Ag
und Personal Service Agentur eine nicht unwesentliche Rolle (vgl.
Seppmann 2003: 28-30).
Literatur
Bittlingmayer, Uwe H. / Bauer, Ulrich / Ziegler, Holger
(2005): Grundlinien einer politischen Soziologie der Ungleichheit
und Herrschaft. In: Widersprüche, H.98. Bielefeld. S. 13-28
Bremer, Peter / Gestring, Norbert (1997): Urban Underclass
- neue Form der Ausgrenzung auch in deutschen Städten? In:
PROKLA, H.106. Münster. S. 55-76
BMGS -
Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung (2005)
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